Schuldzuweisungsmechanismen


Es verdichten sich die Hinweise, daß beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs das Abpumpen des Grundwassers mindestens zu einem wesentlichen Teil zu dem Unglück beigetragen hat.

Nun stellen die Stadt Köln und die KVB voller Erstaunen fest, daß die mit dem Bau der Kölner U-Bahn beauftragten Unternehmen wesentlich mehr Grundwasser abgepumpt haben als erlaubt. Nicht nur, daß die erlaubte Menge pro Stunde um bis zu zwei Drittel überschritten worden sei, es seien auch viel mehr Brunnen als genehmigt gebohrt worden. Außerdem hätten die beteiligten Firmen die Brunnentagebücher, in denen die Abpumpmengen festgehalten werden, nicht wie vereinbart in Eigeninitiative eingereicht. Man habe diese nach dem Einsturz erst gesondert anfordern müssen.

Ein ehemaliger Kölner Baudezernent wundert sich, daß man nicht Techniken wie Unterwasserbeton und Vereisung eingesetzt hat. Ich wundere mich, warum die Brunnentagebücher nicht regelmäßig angefordert wurden. Nein, eigentlich wundere ich mich nicht.

Wer schon öfter mit Preis- und Leistungsverhandlungen – nicht nur in der Industrie, auch mit öffentlichen Auftraggebern – zu tun hatte, kennt die Mechanismen, die sich da abgespielt haben könnten:

  1. Wenn es um den Einkauf geht, kann es einigen Auftraggebern nicht billig genug sein. Vermutlich hatten aufgrund der schwierigen Bodenverhältnisse in Köln einige oder sogar alle Anbieter die vom ehemaligen Baudezernenten genannten Techniken im Angebot stehen.
  2. Der Kunde fragt (oder vielmehr drängt), ob es nicht preisgünstiger ginge.
  3. Die Anbieter bringen die billigere, aber kritischere Lösung ins Spiel. Sie erläutern dem Kunden die damit verbundenen Probleme. Beziehungsweise sie versuchen es.
  4. Der Kunde sagt in etwa, daß er das gar nicht wissen will. Sie sollen gefälligst eine machbare Lösung präsentieren, die billiger ist. Spätestens an diesem Punkt weiß jeder Anbieter, daß er aus dem Rennen ist, wenn er jetzt noch mit der teureren Lösung aufwartet.
  5. Es wird ein Angebot „nach Kundenwunsch“ erstellt, auf dessen Basis der Auftrag vergeben wird.
  6. Während der Auftragsabwicklung werden die kritischen Punkte von beiden Seiten weiträumig umschifft. Nur ja keine schlafenden Hunde wecken.

Geht dann etwas schief, fängt der SPPP* an. Der Kunde fragt baß erstaunt, wie das passieren konnte. Der Auftragnehmer – im Bewußtsein, daß er noch weitere Geschäfte mit dem Kunden machen will – verzichtet darauf, diesem unter die Nase zu reiben, daß er während der Vertragsverhandlungen auf die Probleme hingewiesen hat. Stattdessen macht er unvorhersehbare Umstände verantwortlich. Zudem weiß er genau, daß er die Lösung als machbar verkauft hat und damit die Verantwortung trägt. Egal, wie sehr um den Preis gefeilscht wurde und egal, daß die andere – sichere – Lösung vom Kunden nie den Zuschlag erhalten hätte.

P.S.: Die genannten Mechanismen lassen sich auch gut im privaten Umfeld beobachten. Zum Beispiel beim Einkauf bei schwedischen Möbeldiscountern in Gestalt von Furnierablösungen und/oder herausbrechenden Spaxschrauben aus dem Spanplattenkorpus sowie darauffolgenden Verkäuferbeschimpfungen.

*Schwarzer-Peter-Ping-Pong

Update: So langsam kommen Details zu den Preisverhandlungen ans Tageslicht. Bisher nur zu denen mit den Baugutachtern.

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