Religionsfreiheit laut der katholischen Kirche


Unter Religionsfreiheit wird gemeinhin die Freiheit des Einzelnen verstanden, seinen Glauben (oder auch seinen Nicht-Glauben) nach Belieben zu wählen und ihn ohne Behinderung durch staatliche oder sonstige Institutionen frei auszuüben. Bislang dachte ich, diese Definition sei unstrittig und höchstens totalitäre Diktatoren würden dies anders sehen. Jedoch: Ein klarer Fall von Denkste!

Einen interessanten Einblick in das Verständnis der katholischen Kirche lieferte jetzt der Apostolische Nuntius in den USA, Erzbischof Carlo Maria Vigano. Auf einem Vortrag an einer amerikanischen Universität sah er die Religionsfreiheit auch in demokratischen Staaten stark gefährdet. Warum? Er hat eine ganze Liste von Gründen:

  • Katholiken unterstützen eine „große Partei“ in den USA, deren Programm inhärent sündenhaft ist.
  • Katholische Professoren „verbünden“ sich mit Leuten (und tragen so zur Spaltung der Kirche bei), deren Ansichten den Dogmen der katholischen Kirche direkt zuwiderlaufen.
  • Es wird nur noch zögerlich akzeptiert, dass Religion auch eine Rolle in der Politik zu spielen habe.*

Richtig gelesen. Für Erzbischof Vigano stellen die genannten Punkte nicht nur Ärgernisse dar, sondern er sieht in ihnen eine Gefährdung der Religionsfreiheit. Nach seiner Auffassung haben Katholiken zuvorderst die Pflicht, Jünger Jesu zu sein und nicht Element einer politischen oder säkularen Ideologie.

Alles in allem heißt dies übersetzt, dass die Religionsfreiheit der Katholiken darin besteht, den Lehren ihrer Kirche zu folgen, so zu wählen, wie ihr Priester es ihnen anrät und ansonsten die Klappe zu halten. Die Religionsfreiheit gilt für die Kirche, nicht für ihre Gläubigen.

Zum Thema des religiösen Gehorsams findet sich beim Nesselsetzer ein guter, vertiefender Artikel.

*Nachtrag: In den USA deklariert der erste Zusatzartikel zur Verfassung (First Amendment) eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche, viel strikter als hier in Deutschland.

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15 Antworten to “Religionsfreiheit laut der katholischen Kirche”

  1. Muriel Says:

    Nach seiner Auffassung haben Katholiken zuvorderst die Pflicht, Jünger Jesu zu sein und nicht Element einer politischen oder säkularen Ideologie.

    Da hat er doch auch Recht.

  2. Muriel Says:

    Pardon. Mein blockquote ist mir verunglückt.

  3. spritkopf Says:

    Korrigiert.

  4. Muriel Says:

    Danke!

  5. Frischer Wind Says:

    Sie haben weder den Begriff des „Glaubens“ noch den Begriff der „Religionsfreiheit“ richtig verstanden …

  6. spritkopf Says:

    Sie haben weder den Begriff des “Glaubens” noch den Begriff der “Religionsfreiheit” richtig verstanden …

    Wieder mal Ihre übliche Gebetsmühle des nebulösen Sie-haben-XYZ-nicht-verstanden.
    Dann stellen Sie es doch richtig.

  7. Frischer Wind Says:

    Das machen Sie schon selber. :-)

  8. spritkopf Says:

    Ah, ok. Als Katholikin vertreten Sie also auch die Auffassung, Religionsfreiheit beziehe sich nicht auf das Individuum, sondern ausschließlich auf die Kirche.

    Nun gut, da trifft dann wohl der Spruch von Christopher Hitchens zu, dass starker religiöser Glaube zu einem großen Teil aus dem Wunsch besteht, das Dasein eines erbärmlichen Sklaven zu führen.

  9. Muriel Says:

    Mir war ja nie ganz klar, warum man überhaupt eine spezifische Religionsfreiheit braucht. Ich meine, historisch verstehe ich den Wunsch, das explizit zu verankern.
    Aber materiell?
    Es fordert doch auch niemand, dass die Verfassung explizit das Recht enumeriert, ein Cosplayer zu sein, erotische Romane zu mögen, oder Mandy Patinking für den wundervollsten Darsteller aller Zeiten zu halten.
    Aber ich halte enumerierte Grundrechte von vornherein für keine gute Idee.

  10. spritkopf Says:

    Ich verstehe, was du meinst (oder glaube das zumindest). Enumerierte Grundrechte suggerieren in einer bestimmten Form, dass das, was nicht ausdrücklich erlaubt sei, verboten sein müsse.

    Dennoch schließe ich mich dieser Meinung nicht an. Die historische Erfahrung zeigt immer wieder, dass grundlegende Rechte (und dazu zähle ich auch die Religionsfreiheit) explizit in schriftlicher Form fixiert werden müssen, da politische oder religiöse Machthaber dies sonst als Gestaltungsvakuum interpretieren, welches sie beliebig mit eigenen (und zumeist repressiven) Auslegungen füllen können.

  11. Muriel Says:

    Und du meinst, dass wir mit explizit verschriftlichten einzen aufgezählten Grundrechten bessere Erfahrungen gemacht haben?
    Ist immer schwer zu sagen.
    Warum Menschen etwas tun, oder lassen, ist wohl eine der komplizierteren Fragen, an denen wir zu arbeiten haben.

  12. spritkopf Says:

    Und du meinst, dass wir mit explizit verschriftlichten einzen aufgezählten Grundrechten bessere Erfahrungen gemacht haben?

    Ja, das denke ich. Beispielsweise war es in der Aufklärung zwingend notwendig, dass Politiker und Philosophen die Menschenrechte aufzählten, da dies vorher nie stattgefunden hatte. Mit dem Erfolg, dass bis dahin Glaubenssysteme den Primat vor den Rechten des Einzelnen hatten und dieser schon für das öffentliche Bekunden seines Nicht-Glaubens an Gott auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden konnte. Auch tun sich Diktatoren schwerer, persönliche Rechte abzuschaffen, wenn diese als unumstößliche Grundrechte in der Verfassung eines Staates niedergelegt wurden. Allein der Versuch, sie für ungültig zu erklären, stellt dann schon einen Rechtsverstoß dar, der den Widerstand gegen ein Unrechtsregime legitimieren würde.

    Wie gesagt: Besteht ein „Gesetzesvakuum“, so erfordert dieses den Konsens aller Beteiligten, dass die Freiheit des Individuums den Grundzustand darstellt. Davon kann ich aber nicht ausgehen, wenn ich die Erfahrungen aus der Geschichte mit einbeziehe.

  13. Muriel Says:

    Es kann sein, dass es unter Umständen mal sinnvoll war, Menschenrechte aufzuzählen, weil das damals das maximal Durchsetzbare war, oder weil sie anders nicht akzeptiert worden wären, oder aus tausend anderen Gründen.
    Das lässt nur sehr bedingt Rückschlüsse darüber zu, ob es grundsätzlich eine gute Idee ist, und ob man das heute immer noch so machen sollte.
    Zu bestimmten Zeiten (gar nicht lange her) wäre es wahrscheinlich eine gute Idee gewesen, explizit festzuhalten dass schwarze und weiße Menschen gleich behandelt werden müssen. Vielleicht wäre es das in manchen Ländern immer noch.
    Im deutschen Grundgesetz fände ich eine solche Bestimmung trotzdem sehr sonderbar.

  14. spritkopf Says:

    Solange es Machthaber gibt, die bereitwillig zum Machtmissbrauch bereit sind, halte ich eine Verfassung für richtig und notwendig, die die Grundrechte aufzählt und auch explizit als unumstößlich deklariert. Damit wird ja auch nicht automatisch konstituiert, dass das, was nicht ausdrücklich erlaubt wurde, verboten ist.

    Egal, ob du als Staat die Entscheidung triffst, dir eine Verfassung zu geben oder auch nicht, so brauchst du immer irgendeinen Konsens darüber, welches die Grundwerte der Gesellschaft sind. Warum diese dann nicht aufschreiben? Was würde zum Beispiel passieren, wenn es keine Verfassung gäbe und ein autoritärer Politiker ans Ruder käme, der als erste Maßnahme repressive und gegen die Menschenrechte verstoßende Gesetze erlässt? Dann steht dir keine letztgültige Instanz in Form eben jener Verfassung zur Verfügung, mit der du diese Gesetze als ungültig erklären kannst und die, wie schon gesagt, den Widerstand gegen einen solchen Politiker legitimiert.

    Ich halte den Verzicht auf eine Verfassung für sehr schwierig.

    Im deutschen Grundgesetz fände ich eine solche Bestimmung trotzdem sehr sonderbar.

    Gibt es ja: Art. 3 Abs. 3.

  15. Muriel Says:

    Ich hoffe ja zunächst, dass es irgendwann gar keine Machthaber mehr gibt, aber solange es die gibt, hielte ich es für sinnvoller, deren Befugnisse enumerativ aufzuzählen, statt die Rechte ihrer Bürger.
    Aber wie ich schon sagte, ist es schwer, zu prognostizieren, wie Menschen handeln. Inhaltlich halte ich solche Normen für Unsinn. Was man in der heutigen Gesellschaft braucht, um möglichst viel Gutes zu bewirken, kann ich aber nicht beurteilen.

    Gibt es ja: Art. 3 Abs. 3.

    Ich ahnte, dass du darauf hinweisen würdest. Aber nein, Art. 3 Abs. 3 zählt eben nicht Hautfarben auf und stellt für jede einzelne fest, dass Menschen, die sie tragen, gleichberechtigt zu behandeln sind. Die Vorschrift ist allgemeiner.
    Und ich denke eben auch (solange man überhaupt eine Verfassung braucht), dass eine allgemeine Freiheitsgarantie ausreicht und sogar vorzugswürdig wäre gegen eine Aufzählung, dass Menschen das Recht haben, eine Religion zu wählen, oder selbst zu entscheiden, welches Brot sie am liebsten essen.

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