Lieber Paul Badde,


ich danke Ihnen für Ihre herzerfrischende Satire über den Inquisitionsprozess des Galileo Galilei. Weil: nur um eine solche kann es sich bei Ihrem Artikel handeln!

Kein klar denkender Mensch könnte heute noch in vollem Ernst ein mittelalterliches Inquisitionsgericht über die Korrektheit einer wissenschaftlichen Hypothese urteilen lassen. Mehr noch, er würde nicht ansatzweise den Gedanken in Erwägung ziehen, dass Galilei mit voller Berechtigung mit der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen bedroht wurde, weil er die Unverschämtheit besaß, seine Hypothesen nicht heutigen Kriterien für Wissenschaftlichkeit genügen zu lassen. Und schon gar nicht würde er Galilei Skrupellosigkeit vorwerfen, weil dieser die Auswirkungen ignorierte, die seine These von der Sonne als dem Mittelpunkt des Universums auf das einfache Volk haben würde. Ihre satirische Überspitzung, dass die mangelnde Voraussicht Galileis auf direktem Wege zur Atombombe führte, ja sogar führen musste, ist daher geradezu genial in ihrer atemberaubenden Unverfrorenheit.

Mit „klar denkenden Menschen“ schließe ich natürlich den durchschnittlichen Leser des klerikal-reaktionären katholischen Des-Informationsdienstes kath.net aus. Dieser hat sich, wie jeden Tag in den Kommentarspalten von kath.net zu besichtigen ist, seinen Verstand von religiösen Dogmen vernebeln lassen und steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden mittelalterlicher Glaubensweisheiten. Dass Sie Ihre Glosse auch dort veröffentlichen und nicht nur in der WELT, bringt daher ein zusätzliches Maß an Pikanterie in die Sache. Schließlich kann man den Kommentaren entnehmen, dass die dort agierenden geistigen Bodenturner Ihren Köder mit Haut und Haaren gefressen haben und nun wild onanierend applaudierend vor ihren Bildschirmen sitzen.

Allerdings meine ich, dass Sie teilweise ein bißchen zu dick aufgetragen haben, so zum Beispiel in dieser Passage: „Luther und Calvin hatten sich schon über die Anmaßung des Kopernikus empört, der vor Galilei ähnlichen Unfug behauptet hatte.“

Spätestens hier muss es jedem Leser (außer jetzt den religiös bescheuklappten Schwachköpfen Tiefgläubigen bei kath.net) klar sein, dass Ihr Text satirisch gemeint ist. Kopernikus‘ Forschungen nicht nur als Unfug, sondern gleich als Anmaßung zu bezeichnen, die – so setzt man gedanklich fast hinzu: zu Recht – die Empörung des Antisemiten Luther und des Schlächters Calvin hervorriefen; eine solche Meinung wäre, wenn ernst gemeint, so gigantisch schwachsinnig und hoffnungslos verblödet absurd, dass derjenige, der sie äußerte, es verdient hätte, für diese Geschichtsklitterung kräftig mit einem nassen Putzlappen verprügelt gerügt zu werden. Ihnen als einem studierten Historiker – dies entnehme ich wenigstens Ihrem Eintrag bei Wikipedia – könnte eine derart weltfremde Fehleinschätzung sicher nicht passieren.

Eine kleine Kritik muss ich denn doch äußern: Wie ich feststelle, wiederholen Sie die Behauptung aus Manfred Lütz‘ Buch „Gott“, dass der Galilei’sche Prozess nichts weiter als ein großer Mediencoup gewesen sei. Ich finde, diese hätten Sie draußen lassen sollen. Lütz scheint zwar nicht zu begreifen, dass man es nicht einfach als Mediencoup bezeichnen kann, wenn als Strafe dafür der Scheiterhaufen oder das letztlich ergangene Urteil zu Hausarrest bis zum Ende des Lebens winkt, aber dennoch ist diese Behauptung nicht lustig, sondern einfach nur dumm.

Aber dennoch: Machen Sie weiter so und bescheren Sie uns auch in Zukunft solche Momente der Heiterkeit.

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4 Antworten to “Lieber Paul Badde,”

  1. awmrkl Says:

    Danke für diese klaren Worte!
    Und sicher, die kann ich so unterschreiben.

    Mir ist nur immer noch nicht recht einleuchtend, was mit solcher Desinfo beabsichtigt ist. Jeder kann innerhalb von Sekunden vom Gegenteil lesen. Vertrauen DIE darauf, daß keiner nachliest?
    *kopfschüttel*

  2. spritkopf Says:

    Dogmatischer religiöser Glaube besteht zu großen Teilen im Ausblenden von nicht zum eigenen Weltbild passenden Fakten. Fundamentalisten sehen einen solchen Artikel nicht als Desinformation an. Die sind vollkommen überzeugt, dass der die blanke Wahrheit enthält.

    Die augenfälligsten Offensichtlichkeiten zu leugnen und den Himmel für grün zu erklären, wenn er blau ist, haben die religiösen Fundis in lebenslanger Glaubensarbeit geübt. Wie sonst könnten sie ihren Gott für moralisch und barmherzig halten, wenn zahllose Bibelstellen und jahrhundertelange Praxis kirchlichen Handelns das genaue Gegenteil besagen?

  3. spritkopf Says:

    Noch ein kleines Juwel aus den Leserkommentaren bei kath.net:

    „Mein pers. Tipp: Galilei ist deshalb heute in gewissen linksliberalen Kreisen so populär, weil er schon damals Frau und Kinder im Stich gelassen hat“

    Was geht im Kopf von jemandem vor, der eine solche Meinung verkündet und die wahrscheinlich sogar für wahr hält?

  4. Galileo Galilei – Prozeß ohne Ende | Spritkopf Says:

    […] hätten, in welche Abgründe von Dummheit ein Zuviel an religiösem Glauben manche tauchen und andere ihren wissenschaftlichen Ethos vergessen […]

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