Ist der Atheismus eine totalitäre Denkweise?


Diese These stellt die Theologin Claudia Knepper in einem Nachruf auf den Ende letzten Jahres gestorbenen Journalisten Christopher Hitchens auf. Knepper ist nicht irgendeine Theologin. Sie ist bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) tätig, einer Organisation der evangelischen Kirche.

Christopher Hitchens wurde bekannt als Journalist und Biograf von Persönlichkeiten wie Thomas Jefferson, Thomas Paine und George Orwell, aber auch als scharfzüngiger Religionskritiker und Autor des Buches „God is not great – How religion poisons everything“ (Titel der deutschen Ausgabe: „Der Herr ist kein Hirte – Wie Religion die Welt vergiftet“).

In besagtem Nachruf schreibt Knepper unter anderem:

„Letztlich deutet die Polemik Christopher Hitchens’ und anderer Vertreter des „Neuen Atheismus“ darauf hin, dass auch ihnen der religiöse und weltanschauliche Pluralismus Probleme bereitet. Offenbar stellt sich ihnen dieser Pluralismus vor allem als Quelle der Gewalt dar, auch wenn sie dies nicht so sagen.“

So schnell geht das also. Aus Religionskritik wird bei Knepper eine Kritik nicht nur am religiösen, sondern gleich auch am weltanschaulichen Pluralismus. Woraus Knepper die vollkommen bizarre Schlussfolgerung zieht, für Atheisten wie Hitchens läge die Ursache von religiöser Gewalt in Wirklichkeit im Pluralismus begründet.

Ich frage mich, ob Frau Knepper je gelernt hat, wie ein Diskurs funktioniert? Hat sie überhaupt begriffen, dass das Eintreten für eine bestimmte Weltanschauung – und damit implizit gegen eine andere – noch lange nicht bedeutet, dass man damit automatisch gegen den Meinungspluralismus stünde, gar einer totalitären Denkweise verhaftet wäre, wie sie im Folgenden insinuiert?

Wäre nämlich ihre dummdreiste Gleichsetzung richtig, so müsste man alle unsere Parteienvertreter wegen inhärent antidemokratischer Denkweise vom Verfassungsschutz beobachten lassen. Oder – um ein Beispiel für erbittert ausgefochtene Diskurse auf einem anderen Gebiet zu nennen – sollte sie noch niemals eine Parlamentsdebatte oder eine Wahlkampfrede am Fernseher verfolgt haben?

„Aus ihrer Sicht offenbaren die Konfliktherde dieser Welt, dass Gewalt zum Wesen der Religionen gehört. In ihren Augen wäre die Welt friedlicher, wenn sich überall die abendländische Aufklärung mit ihrem Vernunftdenken und ihrer naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung durchsetzen würde.“

Angesichts von zahllosen Beispielen für religiös motivierte Gewalt in Altertum, Mittelalter und jüngerer Vergangenheit ist in der Tat schwer nachzuvollziehen, wie man zu einem anderen Schluss kommen kann.

Aber lauschen wir weiter der evangelischen Beauftragten für weltanschauliche Fragen:

„Ohne dass dies gesagt wird, läuft dieser Wunsch in der Tat auf die Auflösung des religiösen und weltanschaulichen Pluralismus hinaus. Obwohl Atheisten, die diese Ansicht vertreten, einen toleranten und liberalen Individualismus für sich beanspruchen, offenbart ihre Argumentation damit doch eine mal heimliche, mal offene Tendenz zum Totalitären.“

Wer antipluralistisch denkt, bei dem ist natürlich auch die antidemokratische Grundtendenz nicht weit. Und tatsächlich lässt Knepper die Unterstellung einer totalitären Gesinnung auf dem Fuße folgen. Belege für ihre absurden Behauptungen hat sie zwar keine, wie sie mehrfach einräumt, aber auch das hindert sie nicht, diese in einem nur vordergründig als Nachruf gestalteten Beitrag zu verbreiten. Wehren kann sich Hitchens schließlich nicht mehr.

„Auch wenn er dabei vergleichsweise respektvoll auftritt, kann all seine geschliffene Rhetorik, sein Witz und sein Sinn für Pointen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich zwar in der traurigen und brutalen Welt gesellschaftlicher Krisengebiete und in der schönen Welt der Literatur auskennt, seine historischen und religiösen Kenntnisse aber nur mangelhaft sind.“

Dass exakt das Gegenteil der Fall ist, kann sowohl in Hitchens‘ Buch wie auch in zahlreichen Youtube-Videos von Debatten mit Vertretern des gesamten religiösen Spektrums – vom gemäßigten Anglikaner bis zum evangelikalen Kreationismusverfechter – leicht nachgeprüft werden. Und zu vermuten ist, dass die argumentative Hilflosigkeit einer Frau Knepper dem umfassenden Wissen und der intellektuellen Brillanz von Christopher Hitchens nichts entgegenzusetzen gehabt hätte.

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4 Antworten to “Ist der Atheismus eine totalitäre Denkweise?”

  1. EinFragender Says:

    Bei solchen Texten denke ich immer gerne an das leuchtende Beispiel von bekannten Atheisten wie Stalin, Pol Pot, Mao und anderen die vorgelebt haben was Atheismus bedeutet und wie wenig er mit Demokratie, Pluralismus, Menschenrechten und Aufklärung in Einklang gebracht werden kann.

  2. spritkopf Says:

    Haben Stalin und Pol Pot ihre Opfer im Namen der Nicht-Existenz eines Gottes getötet? Nein, sie haben sie im Namen des Kommunismus getötet. Fragen Sie doch mal die Menschen auf der Straße, welcher Ideologie diese drei Diktatoren anhingen. Die weitaus meisten werden Ihnen „Kommunismus“ als Antwort geben.

    Und warum kann der Nicht-Glaube an einen Gott nicht mit Demokratie und Menschenrechten in Einklang gebracht werden? Erklären Sie mir das doch einmal.

  3. Micha Schmidt, Berlin Says:

    Oh weih, Sie sind ganz schön verbittert. Und Ihre Argumentation gegen Knepper ist leider auch unbeleckt von jeglicher störenden Logik. Sie haben offenbar deren ausgewogenen, unpolemischen und argumentatierenden Text gar nicht verstanden, sondern nur gemerkt, daß sie Hitchens kritisiert. Und da sind Ihnen die Pferde durchgegangen und Sie haben obenstehenden polemischen Unsinn abgesondert. Kein Wunder, daß Sie das lieber anonym tun :-))

  4. spritkopf Says:

    Ich habe im Detail ausgeführt, was ich an Kneppers Kommentar zu kritisieren habe. Von Ihnen kommt leider nichts, was auch nur entfernt an eine Auseinandersetzung mit meinen Kritikpunkten erinnert. Ihre leeren Ad hominems wollen Sie hoffentlich nicht als Argumente bezeichnen.

    Überarbeiten Sie Ihre Meinungsäußerung nochmal und dann kommen Sie wieder, OK?

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