Tränen hier und da


Wenn Klaus Franz, Opel-Betriebsratsvorsitzender, von seiner Belegschaft zu Tränen gerührt wird, klingt das bei der Süddeutschen Zeitung so: „Franz, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, habe dann eine lange, geradezu flammende Rede gehalten. Es war eine Chance, und Franz nutzte sie, indem er vehement über die Misswirtschaft schimpfte, die GM betreibe. Die „Opelaner“ dankten es ihm mit tosendem Beifall, was den Arbeitnehmervertreter rührte. Franz hatte nach dem Applaus Tränen in den Augen.“

Eine ähnliche Situation wird für Elisabeth Schaeffler, Eigentümerin des gleichnamigen Automobilzulieferers, in eben jener Zeitung so beschrieben: „Die vermeintlich großartige Unternehmerin lässt gerade die wichtigste Tugend einer Unternehmerin vermissen: Sie will die Verantwortung für einen schweren Fehler nicht übernehmen und ruft jetzt nach dem Staat, sogar mit Fotos, auf denen sie öffentlich weint.“

Ich stelle mir gerade vor, wie die Kommunikationsexperten bei Schaeffler anläßlich der Belegschaftsdemonstration in Herzogenaurach hektisch alle Zeitungen anrufen und den Redakteuren bestätigen: „Ja, Frau Schaeffler wird ebenfalls auftreten. Und sie wird auch öffentlich weinen. Bringen Sie bitte Ihre Fotoreporter und genügend Speicherkarten für die Kameras mit.“

Wem diese Vorstellung absurd vorkommen sollte – mir auch. Genauso übrigens wie der ganze Kommentar von Karl-Heinz Büschemann in der Süddeutschen Zeitung, den er mit Eine Unternehmerin versagt betitelte.

So macht er dieses Versagen unter anderem daran fest, daß Elisabeth Schaeffler sich beim Staat um einen Überbrückungskredit bzw. eine Staatsbürgschaft bemüht, so wie es auch Opel tut – mit dem Unterschied, daß im Falle von Opel das nicht als Versagen gebrandmarkt wird. Noch lächerlicher wird es, wenn er ihre Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat und den Gewerkschaften als Beleg für ihre Hemmungslosigkeit nimmt und nicht als den begreiflichen Versuch, ihre Firma zu retten. Was Büschemann Intelligentes an Schaefflers Stelle getan hätte, schreibt er leider nicht.

Einen Tag später schiebt Büschemann einen zweiten Kommentar Ausverkauf in Herzogenaurach hinterher und verfestigt bei mir den Eindruck, daß es ihm nur um’s Nachtreten geht. In diesem Kommentar beschreibt er die möglichen Folgen eines Zusammenbruches der Schaeffler-Gruppe aufgrund verweigerter Staatsbürgschaften so: „Die Arbeitsplätze von Schaeffler wie von Continental sind deshalb nicht gefährdet. Es wechselt nur der Eigentümer. Das wäre zu verschmerzen.“ Was ich so ziemlich für die dämlichste weltfremdeste Beschreibung einer Firmenpleite halte, die ich seit langem gelesen habe.

Insgesamt strotzen beide Kommentare von Büschemann nur so vor Besserwisserei. Er schreibt: „Sie hat im Jahr 2008 den völlig überschuldeten Zulieferer Continental viel zu teuer übernommen. Dass diese Übernahme schwer würde, war schon klar, bevor die Finanz- und Wirtschaftskrise im Herbst ihre ganze Wucht zeigte.“

Hätte er es wirklich besser gewußt? Lesen wir doch, was Büschemann im Juli 2008 zur Übernahme von Conti schrieb: „Schaeffler wird den Preis pro Aktie erhöhen müssen, um die Continental-Führung zufriedenzustellen. Das haben die Franken mit Sicherheit nicht anders erwartet.“ Und weiter: „Andere wären aber froh, wenn sie eine Familie als Großaktionär hätten.“ Kein Wort davon, daß der Preis von rund 70 EUR je Aktie, der etwas später auf 75 EUR erhöht wurde, schon zum damaligen Zeitpunkt zu hoch sei.

Im Gegenteil. In einem anderen Kommentar über den seinerzeit geschassten Continental-Vorstandsvorsitzenden Wennemer schrieb Büschemann von einem gut vorbereiteten Angebot durch Schaeffler. Übrigens weist auch jener Kommentar die gleiche gehässige Diktion auf wie die beiden Kommentare über Elisabeth Schaeffler. Nur daß damals Wennemer das Ziel seiner Gehässigkeit war und nicht Schaeffler.

Man mag ja über Staatshilfen und Bürgschaften – an Schaeffler, an Opel oder an die Banken – denken, wie man will. Ich bin selber kein Freund von ihnen. Ich erwarte aber vom Chefreporter des Wirtschaftsressorts, daß er seine Meinung journalistisch ordentlich begründet und nicht seine persönlichen Animositäten zu einer – oder in diesem Fall sogar zwei – hämetriefenden Polemik(en) verarbeitet.

Aber möglicherweise fühlt Karl-Heinz Büschemann eine Art innerer Seelenverwandtschaft zum Arbeitsminister Olaf Scholz, der das Wort von der Milliardärin im Nerzmantel prägte und damit seinerseits die Gelegenheit wahrnahm, ein paar billige Populismuspunkte zu machen. Peinlich alle beide.

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2 Antworten to “Tränen hier und da”

  1. “Wie kannst Du nur die Schaeffler verteidigen?” « Spritkopf Says:

    […] die Schaeffler verteidigen?” By spritkopf Frage einer Freundin von mir: “Wieso verteidigst Du eigentlich so vehement diese Schaeffler-Sumpfschnepfe? Und das auch noch, wo die Blödzeitung […]

  2. Double standards « Spritkopf Says:

    […] By spritkopf Welchen Unterschied gibt es eigentlich für Arbeitsminister Olaf Scholz zwischen den Arbeitnehmern bei Schaeffler, die von einer Milliardärin im Nerzmantel geleitet werden und den Arbeitnehmern bei Opel, die […]

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