Archive for Februar 2009

„Wie kannst Du nur die Schaeffler verteidigen?“

27. Februar 2009

Frage einer Freundin von mir: „Wieso verteidigst Du eigentlich so vehement diese Schaeffler-Sumpfschnepfe? Und das auch noch, wo die Blödzeitung ebenfalls…!“

Meine Antwort – sinngemäß (und nicht ganz so flüssig wie hier dargebracht): „Die Frau hat im vergangenen Jahr eine riskante Entscheidung getroffen, die sich nun als falsch erweist. Wenn sie jetzt eine staatliche Kreditbürgschaft beantragt, dann kann man das für falsch halten, aber man sollte Verständnis dafür aufbringen, daß sie versucht, ihre Firma zu retten. Von der sie ohnehin einen großen Teil an die Banken verlieren wird, wie es aussieht.“

„Und nebenbei – das Ausmaß, in dem sie von der Presse und auch der Blogosphäre schon fast mit blankem Hass angegriffen wird, das haben in der jüngeren Vergangenheit nur wenige Firmenmanager erfahren, allenfalls der Ackermann und der Zumwinkel, und das für ganz andere Handlungen. Nicht der Opelchef Demant, der ebenfalls ein paar Milliarden vom Staat haben will und der genau weiß, daß mindestens im Fall einer GM-Pleite ein Teil deutschen Steuergeldes seinen Weg in die USA finden wird. Nicht Commerzbankchef Blessing, der sein Institut blitzartig mit der ihm angetragenen Staatsknete ausstattete, sobald sie verfügbar war und der damit seine eigene, höchst wackelige Übernahme der Dresdner Bank absicherte. Noch nicht einmal Georg Funke, dessen Namen die wenigsten kennen und der dem deutschen Steuerzahler in Hauptverantwortung die 100-Milliarden-Scheiße mit der Hypo Real Estate eingebrockt hat, der trotzdem aber die Stirn hat, auf vollständige Auszahlung seiner Ruhebezüge zu klagen.“

„Und bei diesen ganzen persönlichen Angriffen unter der Gürtellinie, da frage ich mich wirklich, wieviel davon noch sachlichen Vorbehalten geschuldet ist und wieviel z.B. einer latent vorhandenen Frauenfeindlichkeit. Auch wenn ich gerne zugebe, daß für einen sesselfurzenden Lohnschreiberling, der im Leben noch keine Verantwortung für eine Firma getragen hat, eine Frau wie die Schaeffler schwer zu verkraften sein muß. Zumal, wenn sie in der Öffentlichkeit plötzlich Gefühle zeigt, wo sie das früher nicht getan hat.“

Kurze Pause. „Naja, so ganz unrecht hast Du nicht.“

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Nachspiel zur Hudson-Notwasserung

27. Februar 2009

Vor gut einem Monat erlitt ein Airbus der amerikanischen Fluggesellschaft US Airways kurz nach dem Start in New York City einen Vogelschlag in beiden Triebwerken, die dadurch sofort ausfielen. Pilot Chesley Sullenberger brachte die Maschine in einer Notwasserung so gekonnt auf den Hudson River, daß nicht ein einziges Opfer zu beklagen war.

Wer sich in der Luftfahrtgeschichte ein bißchen auskennt, weiß diese Leistung besonders zu würdigen. Muß ein Passagierjet notlanden und kann dies nicht auf einem Flughafen tun, geht dies fast nie ohne Verlust von Menschenleben ab, selbst unter optimalsten Umständen. Konsequenterweise wurde Pilot Sullenberger vom amerikanischen Präsidenten und vom Kongress besonders belobigt.

Einige Passagiere sind jedoch offenbar der Meinung, daß kein Grund zur Dankbarkeit bestünde und planen, die Fluggesellschaft wegen „post-traumatic stress disorder“ zu verklagen. Ich würde sagen, dies sind die aussichtsreichsten Kandidaten für den nächsten Stella-Award.

Noch einmal Schaeffler

27. Februar 2009

Ein Kommunikationsberater* spricht: „Frau Schaefflers radikaler Rollenwechsel ist vollkommen unglaubwürdig. Noch bis vor Kurzem war ihr Konzern Deutschlands unsichtbarstes Unternehmen. Das hat sich von null auf hundert gewandelt und ins völlige Gegenteil gedreht. Auf einmal gibt Frau Schaeffler der Boulevardpresse Interviews. Auf diese Weise will sie an Bürgschaften gelangen – ich hoffe nicht, dass sie mit dieser Masche durchkommt.“

Meine Übersetzung: „Es ist eine Unverschämtheit, daß Frau Schaeffler meinen Berufsstand bislang mit Verachtung gestraft hat. Hätte sie mich verpflichtet und würde mir endlich die meiner verdienten Arbeit angemessenen Honorare zahlen, dann zeigte ich ihr, wie man eine öffentliche Meinung richtig dreht. Aber so? Gibt’s eben Saures!“

*Kommunikationsberater/PR-Berater: ein Berufsstand, welcher bereitwillig jede Körperöffnung hinhält, solange man nur genügend Geld reinstopft. Von anderen auch als „Mietmäuler“ bezeichnet.

Opel-Rettung

27. Februar 2009

Viel hört man zur Zeit über eine Trennung von Opel und General Motors. Da treten Politiker und Gewerkschafter auf öffentlichen Belegschaftsversammlungen auf und fordern die Eigenständigkeit von Opel. Da reisen Landesfürsten in die USA, um direkt mit dem GM-Vorstandsvorsitzenden zu verhandeln (worüber eigentlich?). Da werden Wunschvorstellungen geäußert, welcher andere Autobauer als Neueigentümer am liebsten sei und es wird gemutmaßt, wer sich denn Opel überhaupt leisten könne. Da fliegen Finanzbedarfe durch den Raum, die Opel für die nächste Zeit zum Überleben bräuchte (wobei der Zeitraum „die nächste Zeit“ leider nicht präzisiert werden kann). Da wird räsoniert, ob das Überleben von Opel per Staatsbürgschaft, per Regierungskredit oder direkt per Staatsbeteiligung sichergestellt werden sollte (oder auch nicht).

Die beiden wichtigsten Punkte bleiben allerdings offen. Wieviel Geld will GM für einen Verkauf von Opel sehen? Wo bleiben die Bilanzen der letzten fünf Jahre für Opel? Bevor diese Punkte nicht offengelegt sind, hat es keinen Sinn, die Loslösung zu diskutieren. Ansonsten hat man null Chancen, die künftige Profitabilität oder auch nur Überlebensfähigkeit von Opel abschätzen zu können.

GM wird diese Informationen nicht freiwillig geben wollen. Bietet es ihnen doch eine viel bessere Verhandlungsposition, wenn zuerst die Entscheidung zur Rettung von Opel fällt und erst anschließend darüber diskutiert wird, was es kostet. Verwunderlich ist allerdings, daß niemand auf deutscher Seite echten Druck macht, diese Punkte auszuräumen.

Das von der Bundesregierung geforderte Konzept, welches GM zur Zukunft von Opel beibringen soll, wird nicht viel Erhellendes zum Thema beitragen. Hat GM doch ein ähnliches Konzept zu seinem eigenen Überleben der amerikanischen Regierung vorgelegt. Da stand drin, was die amerikanischen Abgeordneten vermutlich hören wollten (Kostenreduzierung in der Produktion, umweltgerechte Fahrzeuge, weniger Konzernmarken), aber alles mit großen Wenns und Abers behaftet und mit teilweise lächerlichen Annahmen wie beispielsweise einer Rückkehr zur Profitabilität innerhalb von zwei Jahren und einer Rückführung aller gewährten und noch zu gewährenden Kredite innerhalb der nächsten fünf Jahre. Es ist nicht zu erwarten, daß ein Opelkonzept viel schlüssiger sein wird.

Update: So langsam kommen die zu schluckenden Kröten ans Tageslicht.

Tränen hier und da

26. Februar 2009

Wenn Klaus Franz, Opel-Betriebsratsvorsitzender, von seiner Belegschaft zu Tränen gerührt wird, klingt das bei der Süddeutschen Zeitung so: „Franz, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, habe dann eine lange, geradezu flammende Rede gehalten. Es war eine Chance, und Franz nutzte sie, indem er vehement über die Misswirtschaft schimpfte, die GM betreibe. Die „Opelaner“ dankten es ihm mit tosendem Beifall, was den Arbeitnehmervertreter rührte. Franz hatte nach dem Applaus Tränen in den Augen.“

Eine ähnliche Situation wird für Elisabeth Schaeffler, Eigentümerin des gleichnamigen Automobilzulieferers, in eben jener Zeitung so beschrieben: „Die vermeintlich großartige Unternehmerin lässt gerade die wichtigste Tugend einer Unternehmerin vermissen: Sie will die Verantwortung für einen schweren Fehler nicht übernehmen und ruft jetzt nach dem Staat, sogar mit Fotos, auf denen sie öffentlich weint.“

Ich stelle mir gerade vor, wie die Kommunikationsexperten bei Schaeffler anläßlich der Belegschaftsdemonstration in Herzogenaurach hektisch alle Zeitungen anrufen und den Redakteuren bestätigen: „Ja, Frau Schaeffler wird ebenfalls auftreten. Und sie wird auch öffentlich weinen. Bringen Sie bitte Ihre Fotoreporter und genügend Speicherkarten für die Kameras mit.“

Wem diese Vorstellung absurd vorkommen sollte – mir auch. Genauso übrigens wie der ganze Kommentar von Karl-Heinz Büschemann in der Süddeutschen Zeitung, den er mit Eine Unternehmerin versagt betitelte.

So macht er dieses Versagen unter anderem daran fest, daß Elisabeth Schaeffler sich beim Staat um einen Überbrückungskredit bzw. eine Staatsbürgschaft bemüht, so wie es auch Opel tut – mit dem Unterschied, daß im Falle von Opel das nicht als Versagen gebrandmarkt wird. Noch lächerlicher wird es, wenn er ihre Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat und den Gewerkschaften als Beleg für ihre Hemmungslosigkeit nimmt und nicht als den begreiflichen Versuch, ihre Firma zu retten. Was Büschemann Intelligentes an Schaefflers Stelle getan hätte, schreibt er leider nicht.

Einen Tag später schiebt Büschemann einen zweiten Kommentar Ausverkauf in Herzogenaurach hinterher und verfestigt bei mir den Eindruck, daß es ihm nur um’s Nachtreten geht. In diesem Kommentar beschreibt er die möglichen Folgen eines Zusammenbruches der Schaeffler-Gruppe aufgrund verweigerter Staatsbürgschaften so: „Die Arbeitsplätze von Schaeffler wie von Continental sind deshalb nicht gefährdet. Es wechselt nur der Eigentümer. Das wäre zu verschmerzen.“ Was ich so ziemlich für die dämlichste weltfremdeste Beschreibung einer Firmenpleite halte, die ich seit langem gelesen habe.

Insgesamt strotzen beide Kommentare von Büschemann nur so vor Besserwisserei. Er schreibt: „Sie hat im Jahr 2008 den völlig überschuldeten Zulieferer Continental viel zu teuer übernommen. Dass diese Übernahme schwer würde, war schon klar, bevor die Finanz- und Wirtschaftskrise im Herbst ihre ganze Wucht zeigte.“

Hätte er es wirklich besser gewußt? Lesen wir doch, was Büschemann im Juli 2008 zur Übernahme von Conti schrieb: „Schaeffler wird den Preis pro Aktie erhöhen müssen, um die Continental-Führung zufriedenzustellen. Das haben die Franken mit Sicherheit nicht anders erwartet.“ Und weiter: „Andere wären aber froh, wenn sie eine Familie als Großaktionär hätten.“ Kein Wort davon, daß der Preis von rund 70 EUR je Aktie, der etwas später auf 75 EUR erhöht wurde, schon zum damaligen Zeitpunkt zu hoch sei.

Im Gegenteil. In einem anderen Kommentar über den seinerzeit geschassten Continental-Vorstandsvorsitzenden Wennemer schrieb Büschemann von einem gut vorbereiteten Angebot durch Schaeffler. Übrigens weist auch jener Kommentar die gleiche gehässige Diktion auf wie die beiden Kommentare über Elisabeth Schaeffler. Nur daß damals Wennemer das Ziel seiner Gehässigkeit war und nicht Schaeffler.

Man mag ja über Staatshilfen und Bürgschaften – an Schaeffler, an Opel oder an die Banken – denken, wie man will. Ich bin selber kein Freund von ihnen. Ich erwarte aber vom Chefreporter des Wirtschaftsressorts, daß er seine Meinung journalistisch ordentlich begründet und nicht seine persönlichen Animositäten zu einer – oder in diesem Fall sogar zwei – hämetriefenden Polemik(en) verarbeitet.

Aber möglicherweise fühlt Karl-Heinz Büschemann eine Art innerer Seelenverwandtschaft zum Arbeitsminister Olaf Scholz, der das Wort von der Milliardärin im Nerzmantel prägte und damit seinerseits die Gelegenheit wahrnahm, ein paar billige Populismuspunkte zu machen. Peinlich alle beide.

Absturz in Schiphol

25. Februar 2009

Der Spiegel berichtet über den Absturz einer türkischen Boeing 737 nahe dem Flughafen Amsterdam-Schiphol, wörtliches Zitat: „Unter den neun Toten sind der Pilot, sein Kopilot und ein Pilot, der sich in der Ausbildung befand.“

Und etwas weiter unten: „Eine belastbare Aussage über die Ursache des Unglücks ist frühestens möglich, wenn die Daten der Flugschreiber ausgewertet sind. Die Piloten sollen vorerst nicht vernehmungsfähig sein.“

Update: Sie haben es gemerkt und den letzten Satz herausgenommen.

Embarrassing moments

24. Februar 2009

Déjà vu? FML

Opel und Saab

21. Februar 2009

Saab hat gerade Insolvenz angemeldet und will sein Glück als unabhängiger Fahrzeughersteller versuchen. Sein Mutterkonzern (jedenfalls bis jetzt) General Motors hat schon seinen Segen dazu gegeben. Daß Saab in diesem Zusammenhang alles an Produktion ins eigene Haus holt, was das Markenschild trägt, ist verständlich. Helfen wird es ihnen leider nichts. Ein Autohersteller, der

  • schon von 2007 auf 2008 einen Rückgang seiner Verkaufsstückzahlen um 41% hinnehmen mußte
  • das (sich so abzeichnende) Katastrophenjahr 2009 noch vor sich hat
  • mit seiner Insolvenz sicherlich viel Vertrauen bei seiner Kundschaft erwerben wird (Stichwort Fahrzeuggarantie)
  • mit 65.000 Fahrzeugen im Jahr viel zu kleine Stückzahlen schreibt, um nur einigermaßen rentabel produzieren zu können und
  • daher schon seit vielen Jahren tiefrote Zahlen schreibt
  • eine dringende Erneuerung seiner Fahrzeugpalette (mit dem damit verbundenen Kostenaufwand) nötig hätte

hat ungefähr die Chance eines Schneeballs in der Hölle auf sein Überleben. So schätzt das auch die schwedische Regierung ein und verweigert sich konsequent Staatshilfen an den maroden Autohersteller.

Eigentlich müßte man annehmen, daß Opel Saab noch nicht einmal mit der Kohlenzange anpacken dürfte, weil diese Firma nichts weiter als ein gigantisches schwarzes Loch ist, in dem die eigenen Cashreserven nur so weggluckern werden. Aber nein, die Gefahr, daß ein paar lumpige tausend Stück Produktionsvolumen von Opels Fertigungsstraßen verschwinden könnten, bietet tatsächlich für einige Experten den Anlaß, doch die Zusammenlegung von Opel und Saab zu fordern, so als hätte man nicht die vielen mißlungenen Übernahmen von Pleitefirmen gesehen, die allesamt später rückabgewickelt werden mußten (Daimler und Chrysler, BMW und Rover). Und die übernehmenden Firmen waren in jenen Fällen mit wohlgefülltem Bankkonto ausgestattet, nicht ein krankes Unternehmen wie Opel, das sowohl alleine wie auch im Verbund mit GM aufs Höchste pleitegefährdet ist.