Mindestlohn – kein Arbeitsplatzkiller?


Aus Anlaß einer recht heftigen Diskussion im Hackblog zum gesetzlichen Mindestlohn, wie er z.B. von der SPD und von den Gewerkschaften gefordert wird, nahm ich mir eine Studie vor, die von ver.di zum Thema Mindestlohn in Auftrag gegeben wurde. Ersteller der Studie ist der Diplom-Ökonom Klaus Bartsch bzw. „Klaus Bartsch Econometrics“, wie er sein Institut nennt. Er betrachtet die wirtschaftlichen Auswirkungen eines gesetzlichen Mindestlohns von 7,50 EUR in 2008, schrittweise gesteigert auf 9 EUR im Jahr 2009.

Klaus Bartsch ist schon öfter aus Gewerkschaftskreisen mit Studien beauftragt worden, z.B. von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, und diese Verbandelung mag auch der Grund sein, warum sich nicht unbedingt ein Eindruck von wissenschaftlicher Objektivität einstellen will. So schreibt er schon in der Einleitung mit gnadenloser Absolutheit:

„Gegen Mindestlöhne ist, wer zu den Profiteuren von zunehmend maßlosem Lohndumping gehört. Gegen Mindestlöhne ist auch, wer die Empfänger von „Hartz IV“ zur Lohndrückerei gegen die noch Beschäftigten benutzen will.“ (S.4)

Leider bleibt er eine Erklärung schuldig, wieso er die an den Universitäten und Wirtschaftsinstituten angestellten Wirtschaftswissenschaftler, die nicht seiner Meinung sind (nach meinem persönlichen Eindruck die Mehrzahl), zu den Lohndumping-Profiteuren zählt.

Schwerwiegender wird es allerdings, wenn man zu den Grundannahmen kommt, auf denen seine Studie basiert. So ist ja die zentrale Befürchtung der Mindestlohngegner, daß die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns weite Teile des Niedriglohnsektors unrentabel macht, was zwangsläufig zu höheren Arbeitslosenquoten infolge von Firmenschließungen und -schrumpfungen oder Verlagerung von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer führen würde. Klaus Bartsch hat allerdings zu den Folgen einer sinkenden Rentabilität nichts zu sagen. Er konstatiert lediglich:

Auf der Grundlage der insgesamt uneindeutigen Tendenz der Ergebnisse der einschlägigen empirischen Panelstudien zu den Beschäftigungswirkungen von Mindestlohneinführungen bzw. -erhöhungen im Niedriglohnsektor wird vorsichtig von einer Beschäftigungsneutralität (Hervorhebung von mir) in diesem Segment ausgegangen; d.h. der Kreis der GML-Begünstigten [1] ist exogen [2] gesetzt.“ (S. 19)

Auf deutsch: alle im Niedriglohnsegment Beschäftigten werden seiner Auffassung nach in den Genuß des Mindestlohnes kommen und diese Lohnerhöhung wird voll als Kaufkraftsteigerung im Markt ankommen, da sämtliche betroffenen Firmen diese Lohnkostenerhöhung und den daraus resultierenden, ebenfalls gestiegenen Arbeitgeberanteil verkraften können. Dieser Lohnkostenanstieg wird im Mittel etwa 50 Prozent bis zum Jahr 2009 ausmachen [3]. Dennoch, Entlassungen aufgrund der oben angesprochenen Arbeitsplatzverlagerungen, Firmenschrumpfungen oder -pleiten, die die Kaufkraft wieder abschwächen (wer arbeitslos wird, schränkt üblicherweise seinen Konsum ein), kommen in seinem Szenario nicht vor.

Was an dieser Betrachtungsweise „vorsichtig“ sein soll, ist mir schleierhaft – mir fielen in diesem Zusammenhang eher Begriffe wie „grob fahrlässig“ oder „hanebüchen“ ein. Herrn Bartsch ficht das nicht an. Er nimmt die Kaufkraftsteigerung als gegeben an und extrapoliert aus ihr eine Nachfragesteigerung, die in der Spitze zu 450.000 neuen Arbeitsplätzen führen wird, mit einer späteren Abschwächung auf 100.000 dauerhaft geschaffene Arbeitsplätze (S. 23 f.). Daß in den Schlagzeilen der Presse hauptsächlich die Zahl von 450.000 neuen Jobs dominiert, dürfte dem Auftraggeber ver.di nicht unrecht sein, aber ist im Endeffekt wurscht – beide Zahlen sind mehr als zweifelhaft.

Lt. eigener Aussage hat Klaus Bartsch das der Modellrechnung zugrundeliegende Simulationsmodell LAPROSIM im Laufe von 15 Jahren selbst entwickelt und verfeinert (S. 17). Wieso er als Wirtschaftswissenschaftler einen sehr wesentlichen Faktor, der selbst dem interessierten Laien ins Auge springen muß, außer Acht läßt, kann er vermutlich nur selber beantworten. Der Verdacht, daß die Studie zu einem ganz bestimmten, dem Auftraggeber ver.di wohlschmeckenden Ergebnis kommen sollte, liegt jedenfalls nahe.

[1] GML: gesetzlicher Mindestlohn
[2] exogene Variable: Variable, die frei gewählt und verändert werden kann, im Gegensatz zu endogenen Variablen, deren Werte sich aus der Modellrechnung ergeben, s. auch Wikipedia.
[3] Bartsch geht von einem mittleren Lohnniveau von z. Z. 6 Euro für den durch ein derartiges Gesetz tangierten Niedriglohnsektor aus (S. 19).

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11 Antworten to “Mindestlohn – kein Arbeitsplatzkiller?”

  1. Erweiterung in der Blogroll « Spritkopf Says:

    […] der wichtigen Wirtschaftswissenschaftler des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts (im Gegensatz zu manch anderen) und zudem jemand, der ökonomische Zusammenhänge einfach und anschaulich erklären […]

  2. Klaus Bartsch Says:

    Lieber „Spritkopf“,

    bezogen auf die Mikrofundierung war ich tatsächlich auf Studien aus dem Ausland mit bereits bestehenden Mindestlöhnen angewiesen. Sie finden in meiner Studie Hinweise auf „galore of studies“ zu den Effekten auf dem Mikro- und Mesolevel. Der Tenor dieser Studien, insbesondere auch diejenigen der Mindedestlohn-Kommission in UK, kamen zum Ergebniss,
    daß im Niedriglohnbereich insgesamt keine Beschäftigungsverluste zu beobachten waren. Auf der Makroebene ist zusätzlich das im Einkommensquerschnitt beobachtbar unterschiedliche Sparverhalten zu beachten; dies ist auch, wie in der von Ihnen zitierten Studie ausgewiesen, die zentrale Quelle kurzfristig nicht unbeachtlicher Beschäftigungseffekte.
    „Spritkopf“ , Sie haben mich als womöglich von den Gewerkschaften bezahlter Ökonom geoutet – fragen Sie mal nach, aber ich vermute mal Sie haben eine Ahnung- woher die Drittmittel vieler „namhafter“ Ökonomen stammen. Und anschließend führen wir dann eine muntere Diskussion über die Unabhängigkeit von Wissenschaften, die sich in besonderem Maße im Spannungsfeld gesellschaflicher Makrointeressen bewegen.

    See You,

    Klaus Bartsch

  3. spritkopf Says:

    Lieber Herr Bartsch,

    Sie können selbstverständlich Studien aus Großbritannien als zusätzliche Untermauerung der Aussage, daß ein Mindestlohn keinen negativen Arbeitsmarkteffekt haben wird, heranziehen. Nur ging es mir um *Ihre* Studie und *Ihr* Rechenmodell. Und wenn Sie von keinen Entlassungen infolge des Mindestlohnes ausgehen, weil eben die entsprechenden Studien aus Großbritannien existierten (die diese Beschäftigungseffekte mit Sicherheit per Saldo kalkuliert haben), dann begehen Sie einen Zirkelschluß. Oder um im Bilde zu bleiben: es könnte der nächste Ökonom hergehen, eine Studie auf Basis *Ihrer* Zahlen erstellen und würde zu einem noch positiveren Beschäftigungseffekt als Sie kommen. Und als Begründung könnte er sagen: „Da gibt es diese Studie vom KBE, die habe ich als Datengrundlage genommen.“

    Als Ökonom wissen Sie selber, daß es nicht reicht, ein Modell zu erstellen – Sie müssen es auch auf Plausibilität prüfen. Und die Annahme, daß eine Lohnkostensteigerung von 50% im Mindestlohnsegment keine unmittelbaren Auswirkungen haben wird, ist alles andere als plausibel. Per Saldo mag der Mindestlohn ja beschäftigungsneutral sein, weil sich Kaufkraftverlust durch Entlassungen und Kaufkraftsteigerungen durch Mindestlohn möglicherweise die Waage halten. Nur nehmen Sie diese Beschäftigungsneutralität als Prämisse und extrapolieren *dann* (und ziehen damit genau jenen Zirkelschluß).

    Was die Bezahlung der Studie angeht: Selbstverständlich gibt es Ökonomen, die von arbeitgebernahen Institutionen beauftragt werden, entsprechende Studien auszustellen, das bezweifele ich ja gar nicht. Nur verleiht es Ihrer Studie keinen Deut mehr Glaubwürdigkeit, mit dem Finger auf sie zu zeigen und zu rufen „Die machen es ja auch!“. Hätte ich bei Ihrer Studie den Eindruck von Objektivität gehabt, wäre es mir relativ egal gewesen, wer sie in Auftrag gegeben und bezahlt hätte. Nur wenn ich einen meiner Meinung nach groben Fehler und dazu eine gewisse Parteilichkeit entdecke, dann kommt die Frage *Ihrer* Unabhängigkeit von ganz alleine auf.

    Freundliche Grüße

  4. Klaus Bartsch Says:

    Lieber „Spritkopf“,

    um das methodische Vorgehen bei der Mikrofundierung der Studie nochmal zu verdeutlichen:

    Alle, die sich mit den gesamtwirtschaftliche Effekten eines gesetzlichen Mindestlohnes befassen und zu Wort melden, also neben meiner Wenigkeit u. a. auch Prof. Sinn oder Ragnitz/Thum (mit im ergebnis entgegengesetzten Tenor), stehen hinsichtlich einer empiriegestützten Mikrofundierung vor dem gleichen Problem: Es kann mangels Existenz eines allgemeinverbindlichen gesetzlichen Mindestlohnes auch keine mikroökonometrischen Studien zu dessen Effekten in Deutschland geben. Was es mittlerweile gibt, ist eine erste Studie zu den Effekten des Entsendegesetzes im Baubereich Deutschlands (König/Müller, IAB Discussion Paper 30), deren Ergebnisse hinsichtlich der Beschäftigungswirkungen im übrigen insgesamt nicht die Funktionsweise des einfachen neoklassischen Arbeitsmarktmodells abbilden,
    dessen Anhänger Sie offenbar sind, da Ihnen die Möglichkeit gleichzeitig steigender Löhne und steigender oder auch nur konstanter Beschäftigung als nicht plausibel erscheint.
    Im Unterschied zu Ragnitz/Thum und Sinn habe ich eine Vielzahl internationaler Studien ausgewertet, die von Ihnen über meine Literaturliste (Hinweis: zusätzliche Quellen finden Sie in meinem Aufsatz für die WSI-Mitteilungen 12/2007) erschlossen werden können, wenn Sie es denn wirklich wollen. Diese Studien beziehen sich nicht nur auf Großbritannien, sondern auf eine Vielzahl von Ländern mit flächendeckenden Mindestlöhnen. Eine große Mehrheit dieser Studien kommt zu dem Ergebnis, daß die Einführung von Mindestlöhnen oder aber die Erhöhung von bestehenden Mindestlöhnen nicht zu den nach dem populären neoklassischen Arbeitsmarktmodell zu erwartenden Effekten führen (vereinfacht: Löhne rauf – Beschäftigung runter).
    Eine „klassische“ Arbeitsmarktreaktion“ war am ehesten bei unausgebildeten Teenagern, insbesonderen in den USA zu beobachten.
    Nun stellt sich die Frage: Warum verhält sich die Wirklichkeit anders als das neoklassische Einfachmodell ?
    Aufgeklärte Neoklassiker weisen auf die Möglichkeit hin, daß auf Teilarbeitsmärkten, die durch schwache Verhandlungsmacht der Arbeitsanbieter und wenige Arbeitsnachfrager geprägt sind, monopsonistische Marktverhältnisse entstehen können, die es den Arbeitsnachfragern erlauben, die Löhne unter die Grenzproduktivität zu drücken und dadurch eine Monopsonrente zu realisieren. Eine Wiederannäherung an den Gleichgewichtspunkt, etwa durch die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes, geht dann einher mit Beschäftigungsaufbau. Die entsprechende Darstellung nebst Literaturhinweisen finden Sie ebenfalls in meiner Studie. Möglicherweise wird es Sie jedoch auch nicht beeindrucken, daß die „Bank of England“ in ihrem eigenen makroökonometrischen Modell diesen Ansatz verwendet, um die in UK beobachtbaren Mindestlohneffekte abzubilden (die Art von „Parteilichkeit“, die Sie für mich vorausetzen , werden Sie der BOE wohl nicht unterstellen). Es bedarf also nicht unbedingt des keynesianischen Grundparadigmas, um die empirisch beobachtbaren ML-Effekte zu erklären.
    Auf der Basis dieser internationalen Ergebnisse aus vergleichbaren Ländern erschien es im Analogieschluß als grundsätzlich vetretbar, von einer Beschäftigungsneutralität (selbstverständlich per Saldo) der Einführung des ML im Niedriglohnsektors auszugehen, solange der von Verdi angesetzte Mindestlohn in Relation zum Durchschnittslohn („Kaitz-Index“) sich im Rahmen der Werte für die untersuchten Länder bewegt (Die Verdi-Werte lägen in etwa im Mittel der OECD- Länder mit ML) .

    Die prognostizierten zusätzlichen Beschäftigungseffekte (auch „per Saldo“) ergeben sich vor allem aus der vorwiegenden Begünstigung von Haushaltsgruppen mit überdurchschnittlich hoher Konsumquote und der sich daraus ableitenden verstärkten Binnennachfrage. Wie Sie nachlesen können, werden die Preis-,Produktivitäts- und Rentabilitätseffekte, sozusagen die Nebenwirkungen der Einführung des ML, ausgewiesen. Diese Nebenwirkungen erklären auch die Rückbildung des anfänglich höheren Beschäftigungseffekts.

    Wenn ich Sie also recht verstanden habe, besteht aus Ihrer Sicht mein „grober Fehler“ darin, daß meine Mikrofundierung des erwartbaren Arbeitsmarktverhaltens im Niedriglohnsektors der von Ihnen als plausibel betrachteten Grundannahme, eine deutliche Lohnerhöhung im Niedriglohnsegment müsse in diesem Segment in jedem Fall mit Beschäftigungsverlusten einhergehen, widerspricht. Schauen Sie sich die entsprechen Studien an und unterziehen Sie Ihre Grundannahme einer Überprüfung, vielleicht lösen sich dann manche Widersprüche auf.
    Ich würde mich übrigens freuen , wenn Sie das Zustandekommen der Ergebnisse von Sinn und Ragnitz/Thum (- 1 Million bzw 0.6 Millionen Beschäftigte) ähnlich kritisch hinterfragen würden. Aber die haben halt die gleiche Prämisse wie Sie.

    Best regards,

    Klaus Bartsch

  5. spritkopf Says:

    Lieber Herr Bartsch,

    für Sie sind offenbar zwei Argumente ausschlaggebend, um die mindestens gleichbleibende Beschäftigung nach Einführung eines Mindestlohns zu erklären (korrigieren Sie mich bitte, wenn ich Sie falsch interpretiere):

    1) Monopsonistische Strukturen im Mindestlohnbereich, durch die die Unternehmen einen zusätzlichen Gewinn (der von Ihnen als Monopson-Rente bezeichnet wird) erwirtschaften, mit dem sie die durch einen gesetzlichen Mindestlohn bedingte Lohnkostenerhöhung auffangen können.

    2) Beschäftigte, die bisher mehrere Beschäftigungsverhältnisse haben, die sie nach Einführung des GML aufgeben, wodurch diese Arbeitsplätze für andere Arbeitnehmer freiwerden.

    Zu 1): Monopsonistische Strukturen in diesem Zusammenhang sind ja solche, die durch viele Arbeitsanbieter und wenige Arbeitsnachfrager gekennzeichnet sind. Nehmen wir doch einmal die vielzitierte Friseurin in Sachsen, die ja zu Stundenlöhnen von 4 – 5 EUR und teilweise darunter arbeiten muß. Haben wir dort etwa nur ganz wenige Friseurbetriebe (Arbeitsnachfrager), von denen jeder entsprechend eine große Anzahl von Friseurangestellten (Arbeitsanbieter) beschäftigt? Meiner Beobachtung nach nicht. Im Gegenteil, die weit überwiegende Anzahl von Friseuren beschäftigt maximal 5 Angestellte. Oder haben wir, um der von Ihnen und König/Müller angesprochenen Manning’schen Erweiterung des Monopsonbegriffes Rechnung zu tragen, einen intransparenten Markt mit hohen Eintrittskosten für neue Unternehmen? Auch das nicht – Friseure gibt es seit ewigen Zeiten, die Lohnstrukturen dürfen als bekannt vorausgesetzt werden und ein Friseurbetrieb ist auch schnell gegründet.

    Zu 2): Herr (2002), den Sie in Ihrer Studie zitieren, gibt selber an, daß diese Situation vornehmlich in Entwicklungs- und Schwellenländern existiert, mal davon abgesehen, daß Herr selber einige sehr zweifelhafte Behauptungen aufstellt und, um in Ihrer Terminologie zu bleiben, ein in der Wolle gefärbter Keynesianer zu sein scheint. Aber prüfen wir das Argument mit den Mehrfachjobs nach. Laut IAB ist die weit überwiegende Anzahl der Arbeitnehmer mit Mehrfachjobs solche mit einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis und einem Minijob. Da sich Minijobs nicht ohne weiteres in normale SVP-Jobs umwandeln lassen (Aushilfscharakter der Tätigkeit, Sozialkosten), ist die Möglichkeit begrenzt, hier zusätzliche „normale“ Arbeitsplätze zu schaffen. Die Anzahl der Arbeitnehmer dagegen, die mehreren sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen nachgehen, also die Quelle eines potentiellen (aber nicht sicheren) beschäftigungswirksamen Effektes, beträgt rund 100.000, also nur ein sehr geringer Teil der vom GML beeinflußten (und potentiell bedrohten) 4 Millionen Arbeitsplätze.

    Im übrigen bin ich mir nicht sicher, ob Sie mich richtig verstanden haben, um nochmal auf meinen ursprünglichen Vorwurf zurückzukommen. Ich unterscheide zwei Beschäftigungseffekte, einen unmittelbaren nach Einführung des GML (und nur diesen dürfen Sie als exogene Variable setzen) und einen per Saldo, der sich durch gesamtwirtschaftliche Auswirkungen erst nach einem längeren Zeitraum einstellt.

    Der unmittelbare Effekt läßt sich zumindest für den einzelnen Unternehmer recht leicht abschätzen. Er weiß, wie hoch augenblicklich sein Umsatz und sein Gewinn sind und was er an Lohnkosten vor und nach Einführung des GML bezahlt. Dementsprechend kann er ziemlich schnell eine Entscheidung treffen, ob er Leute entlassen wird bzw. muß. Ein Beispiel dafür ist die PIN AG; nach Einführung des GML für Briefzusteller haben die Beschäftigten wenige Tage später ihre Kündigung in der Hand gehabt.

    Bei den Studien, die Sie als Argument anführen, ist der Beschäftigungseffekt dagegen nur per Saldo, also erst nach geraumer Zeit sichtbar (erzwungenermaßen, was Sie ja auch in Ihrer letzten Antwort einräumen), kann also nicht als exogene Variable genutzt werden, wie Sie das getan (und damit den von mir vorgeworfenen Zirkelschluß gezogen) haben. Und den Unternehmer, der aufgrund der erzwungenen Lohnkostensteigerung in die Verlustzone rutscht, aber auch mittelfristig auf Entlassungen verzichtet und stattdessen auf eine anziehende Konjunktur durch die Kaufkraftsteigerung hofft, den müssen Sie vermutlich eher mit der Lupe suchen.

    Aber gehen wir doch mal auf die von Ihnen verwendeten Studien näher ein, wie Sie mir das vorgeschlagen haben, z.B. Card/Krüger 1994. Hier dürften Ihnen vermutlich auch schon die Vorwürfe begegnet sein, daß die CK-Studie auf einer sehr schlechten und nicht repräsentativen Datenbasis beruht. So wurde sich nur auf eine Branche (Fast Food) und dort auch nur auf große Ketten beschränkt, die zudem nur telefonisch befragt wurden. Eine Nachprüfung auf Basis von echten Lohnlisten, unabhängig voneinander von einem wirtschaftswissenschaftlichen Institut und von zwei Mitarbeitern des Staates Michigan und der amerikanischen Bundesbank (Neumark/Wascher) durchgeführt und mit dem gleichen ökonometrischen Modell von Card/Krüger durchgerechnet, ergab vollkommen unterschiedliche Ergebnisse im Vergleich zur CK-Studie.

    Nehmen wir zum anderen die von Ihnen angesprochene Studie von König/Müller zum Entsendegesetz in der Baubranche, welches zum 1. Januar 1997 in Kraft trat. Diese kommt zum Ergebnis, daß teilweise in Ostdeutschland eine erhöhte Gefährdung der Arbeitsplätze im Baugewerbe durch den Mindestlohn eintrat, im Westen dagegen nicht. Nun kann ich die Methodik der Studie nicht nachprüfen, aber wenn ich mir die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen im Baugewerbe so ansehe, dann habe ich starke Zweifel an den Schlußfolgerungen, die König/Müller ziehen.

    1990: 1.034
    1991: 1.061 (+2,7%)
    1992: 1.076 (+1,4%)
    1993: 1.080 (+0,4%)
    1994: 1.088 (+0,7%)
    1995: 1.066 (-2,1%)
    1996: 1.312 (+23,1%)
    1997: 1.221 (-6,9%) – Entsendegesetz tritt in Kraft
    1998: 1.156 (-5,4%)
    1999: 1.110 (-4,0%)
    2000: 1.050 (-5,4%)
    2001: 954 (-9,1%)
    2002: 880 (-7,8%)
    2003: 814 (-7,5%)
    2004: 767 (-5,8%)
    2005: 717 (-6,5%)
    2006: 710 (-0,9%)

    (Beschäftigtenzahlen in 1.000, Veränderung in Prozent zum Vorjahr; Quelle: Statistisches Bundesamt)

    Bisher jedenfalls habe ich keinen Anlaß, an dem von mir gefundenen Haken in Ihrer Studie zu zweifeln. Ganz im Gegenteil.

    Natürlich lese ich mir auch gerne die Studien von Sinn und Ragnitz/Thum durch. Im übrigen werfen Sie mir zwar vor, daß ich die gleiche Prämisse hätte wie in diesen Studien, aber weder habe ich sie bisher gelesen noch mit ihnen argumentiert.

    Mit freundlichen Grüßen

  6. Klaus Bartsch Says:

    Lieber Spritkopf,

    in der Tat muß ich Ihre Interpretation meiner Argumentation korrigieren, und zwar nicht, weil Sie diese beiden möglichen Erklärungsansätze beschäftigungsneutraler oder gar beschäftigungserhöhender Mindestlöhne etwa falsch dargestellt hätten, sondern weil Sie die Darstellung meiner Argumentation auf diese zwei Punkte verengen, wobei Punkt zwei von mir nur am Rande gestreift wurde.

    Ausgehend von den ausgewerteten internationalen Studien stand die Aufgabe, mögliche Erklärungsmuster für die (überwiegende) Abweichung der Ergebnisse der Empirie von der Pop-Neoklassik hinsichtlich der Arbeitsmarktwirkungen aufzuzeigen.

    Die vollständige Lektüre meiner Studie ergibt, dass ich auf drei wesentliche in der Literatur zu findende Deutungsmuster hinweise:

    – Hypothese vom Bestehen monopsonistischer Arbeitsmärkte
    – Effizienzlohnhypothese (im Kern: höhere Löhne erhöhen die Produktivität,
    übrigens ursprünglich auf die unternehmerischen Erfahrungen Henry Fords zurückgehend)
    – Nachfragehypothese: steigende (reale) Nettolöhne erhöhen die Binnennachfrage und generieren zusätzliches Wachstum

    In der realen Welt/Ökonomie gibt es ja selten monokausale Zusammenhänge. Auf verschiedenen sektoralen und regionalen Arbeitmärkten mit hohen Niedriglöhneranteilen und „unerwarteten“ (im Sinne der Pop-Ökonomie) Arbeitsmarkreaktionen können sich bei detaillierter Betrachtung auch ganz unterschiedliche Kombinationen dieser Erklärungsgründe als wirksam erweisen.

    Um bei den vielbemühten Friseuren zu bleiben: Der arbeitslose Friseur in Berlin wird vermutlich bei seinen akquisitorischen Bemühungen vor allem auf das Problem der schwachen Binnennachfrage stoßen. Kassiererinnen, die 4.50 € oder auch 6 € verdienen, werden eher weniger zum Friseur gehen als solche, die 7.50 € oder 9 € verdienen. Da es in Berlin auf engem Raum zahlreiche Friseurgeschäfte gibt,

  7. Klaus Bartsch Says:

    (Fortsetzung) , die zudem auch von Friseuren ohne KfZ gut erreichbar sind, wird das Monopsonargument hier keine Rolle spielen. „Janz weit draussen“ im ländlichen Brandenburg, in Kleinstädten mit ein,zwei Friseuren, einem Kranz kleiner Dörfer drumherum und vielen „Arbeitsanbietern“, die aufgrund langanhaltender Arbeitslosigkeit schon lange kein KFZ mehr unterhalten können, kann das „Monopsonargument“ allerdings selbst für den Arbeitsmarkt für Friseure punktuell Bedeutung haben. Allerdings ist das „Monopsonargument“ auf der Makroebene eher für Bereiche wie den zunehmend zentralisierten Einzelhandel, Wachdienste usw, relevant.

    HERR und seine Ausführungen zur Möglichkeit monopsonistischer Arbeitsmärkte haben Sie meiner Einschätzung nach einfach missinterpretiert. Sie beziehen sich offensichtlich auf den unteren, gleichgerichtet mit der Arbeitsnachfragekurve verlaufenden Teil der Arbeitsangebotskurve, der weder bei HERR noch sonst in der um diesen Ansatz zentrierten im Mittelpunkt steht.

    PIN – Das Geschäft übernehmen offenbar die Mindestlohn zahlenden Mitbewerber. Schauen wir mal, wie die Beschäftigungsbilanz dieses Sektors „per Saldo“ in einem Jahr aussieht. Nebenbei: Können Geschäftsmodelle a la PIN , die Gewinne nur auf der Basis von „Sozialknete“ erzielen können (nämlich der Sozialleistungen, zu deren ergänzenden Inanspruchnahme ihre Beschäftigten aufgrund der niedrigen Löhne oftmals gezwungen sind), und deren „Funktionieren“ damit letztlich mittelbar von ihrer existenzsichernde Löhne nebst Sozialabgaben zahlenden Konkurrenz subventioniert wird, wirklich nachhaltig sein? Oder befördern sie nicht erst einen mittel- und langfristig ruinösen Wettbewerb nebst den entsprechenden Folgen für Arbeitsmarkt und Staatskasse ?

    Die gesamtwirtschaftlichen Nachfrageeffekte, wie sie meine Simulationsstudie ausweist, treten im Übrigen relativ zeitnah auf. Dies ist auch zu erwarten, da ein Personenkreis mit weit überdurchschnittlicher Konsumquote und aufgestauten Konsumbedürfnissen begünstigt wird. Die von den ML-Begünstigten entfaltete zusätzliche Nachfrage schafft übrigens grundsätzlich marginal zusätzliches Einkommen über die gesamte Einkommenshierarchie: zusätzlich gekaufte Güter und Dienstleistungen erhöhen die Wertschöpfung der begünstigten Unternehmen und schaffen damit zusätzliche Einkommen auch ausserhalb des Niedriglohnsektors.

    Die Erfahrung des benachbarten Auslandes, soweit sie die zahlreichen von mir angeführten, aber Sie nun einmal nicht überzeugenden Studien zeigen, daß das von Ihnen offenbar befürchtete massenhafte „Unternehmersterben“ infolge des ML nicht stattfindet.
    Der fehlende Mindestlohn in Deutschland erweist sich heute bereits gelegentlich als direkt spürbarer Standortnachteil: In Brandenburg fanden die Spargelbauern letzten Sommer nicht mehr genügend Arbeitskräfte, weil sowohl deutsche als auch polnische Landarbeiter sich zur Spargelernte zunehmend in Länder mit Mindestlohn bzw, höherem Lohnniveau bewegen (UK, Niederlande, Dänemark).
    Zu den angeführten empirischen Studien und den „Methodenstreit“ um diese: Generell würde man da vom hundertsten ins tausendste kommen.
    Letzten Endes habe ich die Quinteszenz aus über 100 Studien gezogen, die sich in ihrer Methodik z.T. erheblich unterscheiden. Natürlich gibt es unter den Empirikern lebhafte Debatten bzw. Methodenstreit. Die Kontroverse von CK und Neumark/Wascher ging übrigens weiter, mit Punktgewinn für CK (läßt sich im Netz nachvollziehen).
    Gegen die Ergebnisse der Studie von König/Müller führen Sie die Beschäftigungsentwicklung im Baugewerbe an. Auch hier gilt, daß sich diese Entwicklung nicht monokausal erklären läßt. Ihr Argument lautet implizit: „Das Beschäftigungsniveau im Bausektor wird durch das Lohnniveau bestimmt. Daher folgte auf die Einführung des Entsendegesetzes ein anhaltender Rückgang der Baubeschäftigung“.
    Der Beschäftigungsrückgang im Baugewerbe erklärt sich jedoch nicht unwesentlich strukturell: Nach der „Wende“ blähte sich inbesondere infolge des infrastrukturellen und wohnbaulichen Nachholbedarfs in Ostdeutschland der Bausektor erheblich auf. Mit zunehmender Schließung dieser Lücken sank die Baunachfrage; aus den zusätzlichen Kapazitäten wurden sukzessive Überkapazitäten, die allmählich reduziert wurden. Bei der Bildung eines ökonometrischen Erklärungsmodell man sich immer um die Berücksichtigung aller erklärenden Variablen bemühen. Auf der Grundlage eines in diesem Sinne wohlspezifizierten Modells läßt sich dann der Versuch unternehmen, die Wirkungsrichtungen und die quantitativen Wirkungen der einzelnen Bestimmungsgrößen zu isolieren.
    König/Müller haben auf ihre Weise versucht, die „sonstigen“ Einflüsse von den Effekten des Entsendegesetzes zu trennen und sind so zu ihren interessanten Ergebnissen gelangt.

    Da Sie die Mindestlohnfrage als wirtschaftspolitisches Thema offensichtlich interessiert, war ich selbstverständlich davon augegangen, dass Sie die Positionen von Sinn und die Studie von Ragnitz/Thum kennen. Letztere wurde im Frühjahr/Sommer letzten Jahres wiederholt u.a. von Pofalla (CDU) in der Auseinandersetzung mit der SPD als wissenschaftlicher Beleg für die Schädlichkeit der Einführung eines ML zitiert.

    Best regards,

    Klaus Bartsch

  8. Klaus Bartsch Says:

    Lieber „Spritkopf“,

    ein kurzer Nachtrag zu Ihrer „Zirkelschluss-Vermutung“. Zu meinem Verständnis:
    Gehe ich im Kern Recht mit der Annahme, daß der rechnerische Beschäftigungseffekt des GML in der Modellsimulation sich nach Ihrer Interpretation wie folgt zusammensetzt:
    Delta(Beschäftigung) = Delta(Beschäftigung ML-Begünstigte) + Delta(Beschäftigung aus positiver Nachfrage), mit ersterer Erklärungsgröße = 0 und zweiter Erklärungsgröße wg. Ersparnistrichter notwendig > 0 ?
    Hätte ich so modelliert, dann hätten Sie recht und ich hätte die Modelllösung unzulässig gegen die Möglichkeit negativer Beschäftigungseffekte „immunisiert“. Damit unterschätzen Sie jedoch deutlich die Komplexität der Lösung. Zur Erläuterung dessen, was als Beschäftigungseffekt ausgewiesen wurde, das folgende:
    Der ausgewiesene Beschäftigungseffekt gegenüber der Referenzlösung ergibt sich *unmittelbar* vollständig aus der Veränderung des Quotienten des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens und der effektiven Arbeitszeit je Beschäftigtem (Veränderung letzterer Größe ist sehr gering). Das Arbeitsvolumen wird im Gefolge der GML-Einführung im Kern durch drei Faktoren beeinflußt: Gesamte Nachfrageeffekte, sowohl bei den GML-Begünstigten als auch über „Zweitrundeneffekte“ bei übrigen Personen, Preiseffekte des GML und Produktivitätseffekte des GML, u.a. durch Rationalisierung (Auch nachzulesen in der Kommentierung meiner Studie durch die FTD vom 14.06.2007 im Rahmen des Artikels „Ökonomen freunden sich mit Mindestlohn an“). Hätte die Simulationsstudie ausgeprägtere Preis- und Produktivitätseffekte ergeben, so wären auch negative Beschäftigungseffekte möglich gewesen. So erfolgt „nur“ eine nicht unerhebliche Rückbildung des Anfangseffekts.
    Wo bleiben nun die auf der Basis der Auswertung der sattsam erwähnten GML-Studien annahmegemäß konstant gehaltenen GML-Begünstigten?
    Steigende oder sinkende Beschäftigung ändert deren Anteil an der Gesamtbeschäftigung; implizit ist hier die vereinfachende Annahme: bei
    steigender Beschäftigung gelingt es zunehmend Personen, sich aus dem GML-Sektor zu lösen , neu in Beschäftigung eintretende Personen füllen den GML-Bereich auf. Bei fallender Beschäftigung fallen hingegen zunehmen Personen auf das GML-Einkommensniveau zurück, der Anteil der GML-Beschäftigten steigt (sollte im Extremfall die Beschäftigung um ca. 85 vH fallen, hätten wir dann das, was Guido Westerwelle „DDR light ohne Mauer“ nannte: den Einheitslohn, aber Spaß beiseite). Die unterstellte konstante GML-Beschäftigung hat also keinen direkten, etwa über eine definitorische Beziehung vermittelten Einfluß auf das Beschäftigungsniveau. Diese Konstantsetzung definiert vielmehr nur den aus der GML-Beschäftigung resultierenden zusätzlichen Nachfragebeitrag, der nicht mit dem gesamten Nachfragebeitrag zu verwechseln ist.
    In der Hoffnung, nicht an Ihrer Kritik vorbeiagumentiert zu haben, verbleibe ich

    mit freundlichen Grüßen,

    Klaus Bartsch

  9. Klaus Bartsch Says:

    Lieber Spritkopf,

    ich vermisse Sie. Ich hoffe doch, es ist alles okay ?

    Serious

    Klaus Bartsch

  10. Kornelia Kittel Says:

    Ein guter Tipp, solle man mal weiterverfolgen. Das wird in nächtster Zeit mit sicherheit noch mehr Interesse auf sich ziehen. Da habe ich doch schon letztens einen Bericht drüber gefunden? Alles Gute Kornelia Kittel

  11. Nelli Says:

    Jetzt hab ich aber endlich einen , wo ich mit 2 Nachmittagen im Monat 100 Euro verdien.

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