Spiegel Online und die journalistische Sorgfalt


Über Spiegel Online habe ich mich schon öfter aufgeregt und nicht nur ich. Ein frisches Beispiel für die journalistische Sorgfalt, mit der ohne die dort offenbar gearbeitet wird, findet sich im Bericht über eine Forschergruppe, die den Flugzeugeinschlag im Nordturm des World Trade Center am 11. September 2001 per Computer simulierten.

Im Begleitvideo gibt der Sprecher von Spiegel Online unter anderem folgenden Satz zum Besten: „Zudem ergossen sich über 38.000 Liter brennender Flugzeugtreibstoff in die Etagen, ein Flammeninferno, daß die übrigen Stahlstützen zum Schmelzen und den Turm schließlich zum Einsturz brachte.“

Diese Aussage über schmelzende Stahlträger ist schlicht Blödsinn, mal davon abgesehen, daß der Flugzeugtreibstoff nach weniger als 10 Minuten komplett verbrannt war und das Feuer für die verbleibenden eineinhalb Stunden, die der Turm noch stand, von im Gebäude verbauten Materialien und Inneneinrichtungen genährt wurde.

So ist im Untersuchungsbericht des amerikanischen National Institute of Standards and Technology (NIST) nachzulesen:

In no instance did NIST report that steel in the WTC towers melted due to the fires. The melting point of steel is about 1,500 degrees Celsius (2,800 degrees Fahrenheit). Normal building fires and hydrocarbon (e.g., jet fuel) fires generate temperatures up to about 1,100 degrees Celsius (2,000 degrees Fahrenheit). NIST reported maximum upper layer air temperatures of about 1,000 degrees Celsius (1,800 degrees Fahrenheit) in the WTC towers (for example, see NCSTAR 1, Figure 6-36).

However, when bare steel reaches temperatures of 1,000 degrees Celsius, it softens and its strength reduces to roughly 10 percent of its room temperature value. Steel that is unprotected (e.g., if the fireproofing is dislodged) can reach the air temperature within the time period that the fires burned within the towers. Thus, yielding and buckling of the steel members (floor trusses, beams, and both core and exterior columns) with missing fireproofing were expected under the fire intensity and duration determined by NIST for the WTC towers.

Auf deutsch: Brennender Flugzeugtreibstoff wird gar nicht heiß genug, um Stahl schmelzen zu können, genausowenig wie die durch den Treibstoff entzündeten Gebäudematerialien. Was das Feuer tatsächlich verursachte, war ein Festigkeitsverlust der Stahlträger um bis zu 90 %, der zu ihrem Nachgeben und in der Folge zum Einsturz des Gebäudes führte.

So schwierig ist das alles nicht herauszufinden – der oben verlinkte Wikipedia-Artikel führt immerhin eine ganze Latte von Links auf. Aber strukturelle Schwächung klingt lange nicht so aufregend wie Flammeninferno und schmelzender Stahl.

2 Antworten to “Spiegel Online und die journalistische Sorgfalt”

  1. etiennerheindahlen Says:

    Mir stösst am unangenehmsten auf, daß der SpOn-Autor mehrfach geradezu triumphierend anmerkt, dass mit dieser – allerdings bemerkenswerten – Simulation wohl auch die unzähligen „Verschwörungs-Theorien“ widerlegt seien.

    Wo und wie wird denn mit der Simulation widerlegt, dass es sich um eine Verschwörung gehandelt haben könnte? Zwar halte auch ich die Spekulationen um nachträgliche Sprengungen, die letztlich den Einsturz der beiden Gebäude bewirkt haben könnten, für reichlich phantasievoll.

    Doch beweist die Simulation eben nicht, daß nicht doch andere Gruppen oder Organisationen hinter den Personen, welche die Kontrolle über die Flugzeuge übernahmen und diese in die Wolkenkratzer steuerten, die Fäden gezogen haben.

    Ohne mich hiermit als „Verschwörungs-Theoretiker“ betätigen zu wollen: es stellt sich aber nach wie vor die Frage nach dem Motiv. Und bestimmte geopolitische Entwicklungen in Folge der – inzwischen historischen – Ereignisse könnten ebenso ein Motiv beinhalten wie gewisse wirtschaftliche Interessen und Interessensverflechtungen der damals wie heute politisch handelnden Kreise der USA.

    Ich erinnere an „Irangate“ in den frühen 80ern und die Verwicklungen höchst prominenter Familien aus dem nordamerikanischen und saudi-arabischen Raum. Deren „Geschäftsbeziehungen“ sich über zwei Jahrzehnte hinweg bis in die Gegenwart gedeihlich entwickelten (Stichwort: „Carlyle Group“ http://en.wikipedia.org/wiki/Carlyle_Group ). Unter anderem die Umsätze der Assets „United Defense“ (u.a. Hersteller des „Humvee“ sowie des „Bradley Fighting Vehicle“, 2004 trennte sich die „Carlyle Group“ von diesem Investment) und „United States Marine Repair“ (grösstes Marine-Werftunternehmen der USA) verzeichneten in Folge der militärischen Reaktionen der USA nach 2001 massive Steigerungen. Ich habe diesen Themen-Komplex 2001 im Auftrag eines grossen europäischen Medienunternehmens (öffentlich-rechtlich) gründlich recherchiert – von einer Dokumentation wurde damals abgesehen. Grund: befürchtete diplomatische Konsequenzen.

    Aber: das führt wohl zu weit ins Detail.

  2. spritkopf Says:

    Nun ja, die meisten Verschwörungstheoretiker haben, soweit ich das überschauen kann, versucht, ihre „Theorien“ über technische Indizien zu beweisen, wie z.B. die genannten Bomben im WTC oder auch die Rakete, die anstelle des Passagierflugzeuges im Pentagon eingeschlagen sein soll (und die ich persönlich genauso für Quatsch halte wie die WTC-Bombentheorie). Der Grund mag sein, daß es für den gemeinen Lehnstuhlexperten – so nenne ich ihn mal – einfacher ist, aus bestimmten Kleinigkeiten in den 9/11-Videos eine technische Argumentationskette aufzubauen als die Hintergründe und die Verbindungen zwischen den Attentätern und möglichen Profiteuren der Anschläge zu recherchieren und hier handfeste Indizien beizubringen.

    Sicherlich ist die Frage legitim, wer von den Anschlägen profitierte. Man sollte sich aber meiner Meinung nach mit Beschuldigungen in der Öffentlichkeit zurückhalten, solange man nicht eindeutige Beweise für eine Verwicklung des- oder derjenigen in der Hand hat. Und daß z.B. George W. Bush ohne den 11. September nicht wiedergewählt worden wäre oder die Firma Halliburton ihre großen (und mit dem Ruch der Korruption behafteten) Irakgeschäfte nicht gemacht hätte, darüber herrscht zwar allgemeiner Konsens, aber es handelt sich dabei lediglich um mögliche Motive. Beweise sind es nicht.

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