Es gibt für mich eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute ist, daß – entgegen meinen Befürchtungen – mein Verhältnis zur I. sich nicht geändert hat. Immer noch treffen wir uns regelmäßig und tauschen uns bei einer guten Flasche Wein über alles Mögliche aus. Die schlechte Nachricht lautet, daß ich nach wie vor in der LUFB-Falle gefangen bin. Und wenig Chancen sehe, mich aus ihr zu befreien.
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Plus ça change, plus c’est la même chose
6. Dezember 2009Gute Tage, schlechte Tage
21. November 2009Manchmal hat man gute Tage, die sich innerhalb von kurzer Zeit in Scheißtage wandeln. Heute zum Beispiel.
Ich treffe mich mit der I. auf dem Weihnachtsmarkt, quatsche mit ihr über berufliche Querelen, über amouröse Verirrungen, über amourös-körperliche Verirrungen, wir trinken Glühwein mit Rum. Sie befragt mich über männliche Befindlichkeiten, ich gestehe ihr mit aller Beiläufigkeit, der ich fähig bin, daß Männer desweilen komische Anwandlungen bekommen und sich daher in Frauen vergucken, in die sie sich nicht vergucken sollten. Wir setzen das Gespräch in einer Espresso-Bar fort, sie rückt näher und kippt mir ihren Latte Macchiato über die Hose. Als Folge der zwei Glühweine zuviel wird ihr mit einem Mal schlecht, ich bringe sie nach Hause und ins Bett, verabschiede mich brav und setze mich in die Bahn Richtung Heimat.
In der Bahn kontrollieren mich zwei Kontrollettis, die mir mitteilen, daß mein Monatsticket nur in Verbindung mit einem Lichtbildausweis gültig ist. Meine Kreditkarte, meinen Ausweis des Schwimmvereins und meine Visitenkarten nehmen sie zwar gerne als Nachweis, daß ich kein Schwarzfahrer bin, aber dennoch werde ich meinen Personalausweis nochmal bei den Verkehrsbetrieben vorzeigen müssen und bei der Gelegenheit ein paar Euro fuffzig abdrücken dürfen. Scheißvolk.
Spätestens in diesem Augenblick wird mir klar, daß das Verhältnis mit der I. nie mehr so sein wird wie bisher. Ich ziehe meinen MP3-Player hervor und drehe die Musik so laut, daß ich es gerade noch aushalten kann.
Weltwirtschaft und die kleine Insel
26. Oktober 2009Mit leichter Verspätung *hüstel* folgt eine kleine Nachlese zu meinem Lanzarote-Urlaub im September.
Fester Bestandteil jedes Kanarenurlaubs ist es, per Bus von einer Ecke seines Urlaubsortes zu einer anderen transportiert zu werden. Dazu gehören die Fahrten zwischen Flughafen und Hotel jeweils am Anfang und Ende der Reise, dazu gehören verschiedene Inselbesichtigungstouren. Bei mir war das nicht anders.
Während dieser Touren fuhren wir immer wieder durch einen Vorort von Playa Blanca, der fast ausschließlich aus Einfamilienhäusern besteht. Beim ersten Mal fiel mir noch nichts auf. Die Häuser sehen adrett aus, die Gärten weisen fast kein Grün auf, aber OK, dies hier ist Lanzarote: eine Vulkaninsel mit wenig Wasser. Ich hatte zwar ein undefinierbares Gefühl, daß etwas nicht stimmt, konnte es aber nicht greifen.
Bei der nächsten Fahrt kam mir schlagartig die Erleuchtung: In keinem der Häuser stehen Möbel, die Fenster haben alle einen leichten Schmutzschleier und vor keinem einzigen Haus steht ein Auto. Und ich erinnerte mich, daß es zwar die USA waren, die die großen Schlagzeilen von der Immobilienkrise produzierten, daß aber auch in Spanien eine ähnliche Blase mit lautem Knall geplatzt war. Das, was ich hier sah, war eines der traurigen Überbleibsel. Die gesamte Siedlung ist unbewohnt.
… und leerstehend
Mit diesem Aha-Erlebnis achtet man plötzlich auf verschiedene Anzeichen, die man auf der ganzen Insel findet: Fertige Häuser, die mit den leeren Räumen und verschmutzten Fenstern wie eine Kopie aus der beschriebenen Siedlung aussehen. Oder Häuser in verschiedenen Baustadien, die von ‘Grundplatte gegossen’ bis ‘fertig, aber noch keine Fenster drin’ reichen – und an nicht einem Haus wird gearbeitet.

Vorführhaus: gefüllter Swimmingpool und Verkaufsplakat
Später erzählte die Reiseleiterin auf einer Inselbesichtigungstour, daß Lanzarote von der Immobilienkrise nicht so stark betroffen sei wie andere Gebiete von Spanien. Und ich frage mich, wie es in Restspanien aussehen muß, wenn ein komplett leerstehendes Viertel als „nicht so stark betroffen“ bezeichnet wird.
Schwimmen macht Spaß
18. Oktober 2009Es macht Spaß, durchs Wasser zu pfeilen – viel schneller, als man es früher mit den heftigsten Paddelbewegungen zustandegebracht hätte. Man hört auf das Wasser, man spürt, wie es am Unterschenkel entlangstreicht und wie man immer noch unnötigen Widerstand erzeugt, weil die Beine zu sehr hin- und herschlackern. Es bereitet unglaubliche Befriedigung, solange am Bewegungsablauf zu feilen, bis der Armzug einen nicht mehr um 5 cm aus dem Wasser hebt, sondern möglichst vollständig in Vortrieb umgesetzt wird.
Der angenehme Nebeneffekt sind 79 kg Gewicht bei 1,80 m, gute 10 kg weniger als im Juni.
Vorfreude
14. September 2009Dunkle Wolken ziehen über den Himmel und drohen Regen an, das Thermometer zeigt fröstelige 16°C. Das erhöht aber nur die Vorfreude auf das warme Atlantikwasser, in dem ich morgen um diese Zeit planschen werde. Weswegen es hier in den nächsten Tagen ruhiger sein wird.
Eine gute Freundin
24. August 2009Die I. ist so etwas wie eine Schwester für mich. Ziemlich regelmäßig treffen wir uns auf ein Bier oder im Freibad zum Schwimmen und zum Sonnen. Wir liegen auf der Wiese, jeder auf seinem Badetuch und ratschen. Die I. hat zwar Freundinnen. Mit denen aber, so sagt sie, schwingt sie nicht auf der gleichen Wellenlänge, so daß sie das, was man als typisches Frauengespräch bezeichnen würde, lieber mit Männern führt. So zum Beispiel mit mir.
So rede ich mit der I. über ihre Vorliebe für Italiener, zum Beispiel dem M., mit dem sie lange Zeit zusammen war. Der M. wohnt hier in Deutschland, jedoch kühlt die Beziehung langsam ab, da der M. wohl ein kleiner Hallodri ist und sich um klare Ansagen zu einer gemeinsamen Zukunft herumdrückt. Sich fallweise im Bett zu treffen, dafür reicht es indes immer noch.
Beim letzten Italienurlaub hat sie den G. kennengelernt. Dieser scheint schwer verliebt in die I. zu sein. Da er jedoch im Süden an der Stiefelspitze, gut 1.500 km entfernt wohnt, gibt es ein kleines logistisches Problem. Welches sich auch vorerst nicht aus der Welt schafft, wenn er sie wie geplant in ein paar Wochen besucht. Dazu kommt, daß er weder deutsch noch englisch spricht und ihre Italienischkenntnisse auch eher rudimentär zu nennen sind. Ob es wirklich zu einem Besuch kommen wird, muß sich noch erweisen.
Oder es passiert das gleiche wie vergangenes Wochenende, als der J., ein anderer Bekannter aus Norditalien, sie für drei Tage besuchen wollte. Er fuhr zwei Stunden zum Flughafen, stellte fest, daß man ihn ohne Reisepass nicht fliegen lassen wollte und – anstatt in einen Zug zu steigen, der ihn um zwölf Stunden verspätet zu seinem Ziel gebracht hätte – beschloss, gleich den kompletten Besuch abzusagen. Dem Vernehmen nach, weil an diesem Wochenende ganz Italien seine Familientreffen abhält. Und seine Entscheidung, nicht die italienische Mutter, sondern die deutsche Freundin zu besuchen, ihm nachträglich einiges Magendrücken bescherte und er nun den perfekten Anlaß sah, diese Entscheidung wieder zu kippen. Womit er sich wohl von der Liste der Bewerber gestrichen hat. Wetten würde ich allerdings nicht darauf.
Daß es mit den Italienern aus den genannten Gründen schwierig ist, bleibt der I. natürlich nicht verborgen. So hat sie eine kleine Schwärmerei für den D. entwickelt. Der ist Deutscher und der Exfreund ihrer Freundin M. Allerdings ist der D. derzeit anderweitig besetzt. Aber für die Zukunft mag man ja nicht ausschließen, daß der D. feststellt, doch nicht so gut zu seiner jetzigen Freundin zu passen. Und so diskutiert die I. mit mir ihre Möglichkeiten, sich auf seinem Radar zu positionieren.
Ab und zu denke ich an die I., an ihr blondes Haar, ihre langen, gebräunten Beine und an ihre entzückende Manie, keinen Satz zu Ende zu bringen und mittendrin plötzlich mit einem ganz neuen Thema aufzuwarten. Es sind Gedanken, die ich nicht als geschwisterlich bezeichnen würde.
Es singen die Sirenen
10. August 2009… und preisen italienische Mehlspeisen.
Komme auf dem Rückweg vom Schwimmen an einer Pizzeria vorbei. Der Duft nach Tomatensauce und geschmolzenem Käse macht mich schier toll. Auf der Stelle könnte ich einen Mord begehen, halte stattdessen krampfhaft den Atem an, beschleunige den Schritt, murmle „ich bin so satt ich mag kein Blatt ich bin so satt ich mag kein Blatt“ vor mich hin wie ein tibetanischer Mönch mit seiner Gebetsmühle. Zuhause angekommen fülle ich eine kleine Schale mit Haferflocken, gebe weißen Joghurt – den mit 0,1% Fett – dazu, löffle dieses hastig weg.
Odysseus kannte keine Calzone.
Poolparty
8. August 2009Mit S. und D. in einem unserer bevorzugten Tanzschuppen. S. hat mir eine Poolparty angekündigt, ich solle eine Badehose mitnehmen.
Der Pool steht draußen im Biergarten, ist eines jener Aufblasdinger, die man im nächsten Warenhaus kriegt und weist ungefähr einen Durchmesser von dreifuffzig auf. Der Beckengrund läßt sich durch das trübe Wasser knapp erahnen. Obenauf dümpelt ein Schlauchboot, welches vermutlich in der Säuglingsabteilung gekauft wurde. Entsprechend umlagert ist der Pool. Wir beschließen, die Badehose doch nicht zum Einsatz zu bringen und das rauschende Leben hier draußen – bestehend aus einem biertrinkenden Pärchen fortgeschrittenen Alters und dem Zappes, der den ansonsten verwaisten Bierwagen bewirtschaftet – doch lieber wieder gegen die Baggergründe Örtlichkeiten drinnen einzutauschen.
Dort treffen wir zwei Mädels, die D. und ich vor vier Wochen kennenlernten. Die eine hatte mir erzählt, daß sie demnächst in Urlaub fahren wollte und deswegen erst in vier Wochen wieder da sein würde. Um so erstaunlicher, daß sie es tatsächlich ist. Die andere ist schüchtern und geht sowieso nicht alleine auf die Bahn. S. macht sich an die eine ran, erzählt ihr Geschichten von Pontius nach Pilatus. Wo der bloß immer seinen Gesprächsstoff hernimmt. D. widmet sich der anderen. Ich stehe in der Gegend herum wie Falschgeld, verkrümele mich irgendwann auf die Tanzfläche. Gottlob läuft nicht Roland Kaiser, so wie letzte Woche. Weiß der Geier, wieso die versammelte Weiblichkeit so auf deutsche Schlagerfuzzis steht.
Am Rande der Tanzfläche unterhält sich ein Mädel angeregt mit einem Typen. Ihre Freundin steht etwas verloren daneben. Sie sieht genauso aus, als ob ich mir eine Abfuhr holen werde, wenn ich sie zum Tanze bitte. Ich tue es trotzdem und freue mich über meine Menschenkenntnis. Da mir heute die Chauffeursrolle zufällt, kann ich mich noch nicht mal an edlem Gerstensaft narkotisieren laben.
Die Herzdamen meiner Freunde haben sich verabschiedet, D. hat sich ebenfalls vom Acker gemacht. Der Abend (vielmehr der frühe Morgen) geht zur Neige, S. und ich lassen uns langsam in Richtung Ausgang treiben. Neben mir steht eine Frau, die mir schon früher auf der Tanzfläche aufgefallen ist. Da war sie aber noch in Begleitung, diese hat sich offenbar verdünnisiert. Weil ich sie anschaue, schaut sie mich an. Mit schiefem Lächeln murmele ich etwas Belangloses wie „So isses, alles hat einmal ein Ende.“ Sie antwortet „Ja, schade!“ Ich: „Vielleicht bis nächste Woche?“ Sie: „Gerne.“ Ich: „Hast Du eine Handynummer?“ Sie gibt sie mir, fünf Minuten später befinden wir uns im intensiven Bakterienaustausch Gespräch.
Trockener Kommentar von S.: „Wofür ich den ganzen Abend gebraucht habe, machst Du in wenigen Minuten.“


