Die I. ist so etwas wie eine Schwester für mich. Ziemlich regelmäßig treffen wir uns auf ein Bier oder im Freibad zum Schwimmen und zum Sonnen. Wir liegen auf der Wiese, jeder auf seinem Badetuch und ratschen. Die I. hat zwar Freundinnen. Mit denen aber, so sagt sie, schwingt sie nicht auf der gleichen Wellenlänge, so daß sie das, was man als typisches Frauengespräch bezeichnen würde, lieber mit Männern führt. So zum Beispiel mit mir.
So rede ich mit der I. über ihre Vorliebe für Italiener, zum Beispiel dem M., mit dem sie lange Zeit zusammen war. Der M. wohnt hier in Deutschland, jedoch kühlt die Beziehung langsam ab, da der M. wohl ein kleiner Hallodri ist und sich um klare Ansagen zu einer gemeinsamen Zukunft herumdrückt. Sich fallweise im Bett zu treffen, dafür reicht es indes immer noch.
Beim letzten Italienurlaub hat sie den G. kennengelernt. Dieser scheint schwer verliebt in die I. zu sein. Da er jedoch im Süden an der Stiefelspitze, gut 1.500 km entfernt wohnt, gibt es ein kleines logistisches Problem. Welches sich auch vorerst nicht aus der Welt schafft, wenn er sie wie geplant in ein paar Wochen besucht. Dazu kommt, daß er weder deutsch noch englisch spricht und ihre Italienischkenntnisse auch eher rudimentär zu nennen sind. Ob es wirklich zu einem Besuch kommen wird, muß sich noch erweisen.
Oder es passiert das gleiche wie vergangenes Wochenende, als der J., ein anderer Bekannter aus Norditalien, sie für drei Tage besuchen wollte. Er fuhr zwei Stunden zum Flughafen, stellte fest, daß man ihn ohne Reisepass nicht fliegen lassen wollte und – anstatt in einen Zug zu steigen, der ihn um zwölf Stunden verspätet zu seinem Ziel gebracht hätte – beschloss, gleich den kompletten Besuch abzusagen. Dem Vernehmen nach, weil an diesem Wochenende ganz Italien seine Familientreffen abhält. Und seine Entscheidung, nicht die italienische Mutter, sondern die deutsche Freundin zu besuchen, ihm nachträglich einiges Magendrücken bescherte und er nun den perfekten Anlaß sah, diese Entscheidung wieder zu kippen. Womit er sich wohl von der Liste der Bewerber gestrichen hat. Wetten würde ich allerdings nicht darauf.
Daß es mit den Italienern aus den genannten Gründen schwierig ist, bleibt der I. natürlich nicht verborgen. So hat sie eine kleine Schwärmerei für den D. entwickelt. Der ist Deutscher und der Exfreund ihrer Freundin M. Allerdings ist der D. derzeit anderweitig besetzt. Aber für die Zukunft mag man ja nicht ausschließen, daß der D. feststellt, doch nicht so gut zu seiner jetzigen Freundin zu passen. Und so diskutiert die I. mit mir ihre Möglichkeiten, sich auf seinem Radar zu positionieren.
Ab und zu denke ich an die I., an ihr blondes Haar, ihre langen, gebräunten Beine und an ihre entzückende Manie, keinen Satz zu Ende zu bringen und mittendrin plötzlich mit einem ganz neuen Thema aufzuwarten. Es sind Gedanken, die ich nicht als geschwisterlich bezeichnen würde.
